Nick Varney
Der König der Spaßmacher

Er hat gerade einer Gruppenhinrichtung beigewohnt. Trotzdem wirkt Nick Varney erstaunlich locker und frisch. Der 44-Jährige baut im Stillen das größte europäische Vergnügungsimperium auf – und will Merlin Entertainments an die Börse führen

LONDON. Schwungvoll biegt Nick Varney in den düsteren Katakomben des „London Dungeon“ um die Ecke. Während ihn von hinten eine Videospiel-Maschine auffordert, mit einer Pumpgun Zombies niederzumähen, erzählt er, wie er mit zehn Schülern die neueste Attraktion des Gruselkabinetts ausprobiert hat: einen Galgen, durch dessen Falltür die Besucher in die Tiefe stürzen – angeschnallt natürlich. „Die haben vielleicht geschrien“, strahlt der 44-Jährige mit einem Anflug kindlicher Freude.

„The London Dungeon“ ist eine von mehr als 50 Attraktionen des Freizeitparkbetreibers Merlin Entertainments Group aus der Küstenstadt Poole. Merlin kennen nur Eingeweihte, aber wer hätte nicht von Madame Tussauds, dem London Eye oder Legoland gehört? Das alles zählt zum Merlin-Reich und außerdem noch die Sea-Life-Aquarien, der Heide-Park Soltau und weitere Parks in Großbritannien, Italien und Belgien. Varney hat die Firma aus der südenglischen Provinz im Achterbahntempo in die Weltspitze geführt.

Die rasante Fahrt beginnt 1999, als Varney Merlin Entertainments, damals bestehend aus dem London Dungeon und Sea-Life-Aquarien an der britischen Küste, per Management-Buy-out für umgerechnet 70 Millionen Euro aus der Vardon-Gruppe herauskauft. Geldgeber ist die Private-Equity-Firma Apax Partners. Bis 2004 verdoppelt Merlin den Gewinn und steigert die Besucherzahlen auf fünf Millionen im Jahr. Mit der Eröffnung eines Dungeons in Hamburg und einer Reihe von Sea-Life-Aquarien wird Merlin zur Nummer eins in Deutschland.

Gerade hat in Berlin das erste Legoland Discovery Centre eröffnet, ein neues Format. Ein Madame Tussauds könnte in der Hauptstadt bald folgen.

Varney trifft 2005 auf der Suche nach einem neuen Investor den Mann, der ihm die großen Sprünge erlaubt:Joseph Baratta, Direktor des Finanzinvestors Blackstone. Er kennt die Branche und macht sich mit Varney daran, sie aufzurollen. Für gut 150 Millionen Euro kauft Blackstone Merlin und fügt gleich noch die Legoland-Kette hinzu. Ein Jahr später folgt Gardaland, der führende italienische Freizeitpark. Mit dem Kauf von Madame Tussauds für 1,5 Milliarden Euro im Mai wird Merlin Marktführer in Europa und mit 30 Millionen Besuchern im Jahr weltweit die Nummer zwei hinter dem von Varney sehr bewunderten Disney-Konzern.

Die Begeisterung über den raschen Aufstieg steht dem Engländer ins Gesicht geschrieben, wenn er die Merlin-Story erzählt. „Es gibt kein aufregenderes Geschäft“, sagt er. Das halbe Jahr zwischen Freizeitparks umherzujetten und alle neuen Attraktionen persönlich zu testen – welcher Schüler würde das nicht seinen Traumberuf nennen?

Natürlich ist es auch harte Arbeit. Varney verlange viel von sich, aber auch von anderen, sagt ein Kenner der Firma. Wenn die Besucherzahlen einer Attraktion absackten, dann bekomme der Manager vor Ort schnell Besuch und unangenehme Fragen gestellt. Der frühere Rugby-Spieler geht gern den direktenWeg. Er steuert mit einem kleinen Team langjähriger Vertrauter den immer größer werdenden Konzern. Topleute wie Finanzchef Andrew Carr sind seit dem Management-Buy-out dabei.

Varney denkt auch nicht daran, den Firmensitz von Poole weg zu verlegen. Er wohnt nahebei in der idyllischen Grafschaft Dorset. Auf seiner kleinen Farm tummeln sich Schafe, Ponys und Hühner. „Ich bin im Herzen ein Landjunge“, sagt er. Seine vier Kinder im Alter zwischen sechs und 15 Jahren bildeten eine ideale Gruppe von Testkunden, scherzt er. Mit ihnen verbringt er die rare Freizeit – auch wenn das, wie in den Sommerferien, ausgerechnet einen zweitägigen Ausflug in den konzerneigenen Freizeitpark Alton Towers bedeutet. Beim Stichwort Hobbys muss er nachdenken. „Das wäre wohl mein Fischerboot – allerdings habe ich es dieses Jahr erst ein Mal benutzt“, sagt er. Mehr Muße dürfte er auch künftig nicht haben, denn innerhalb der nächsten drei Jahre, sagt Varney, will er Merlin an die Börse bringen. Mit einem Börsenwert von konservativ geschätzten vier bis fünf Milliarden Euro wäre Merlin ein Kandidat für den FTSE-100-Index.

Nur eines verdirbt ihm derzeit die Stimmung:das Wetter. „Letztes Jahr war es im Sommer zu heiß, dieses Jahr regnet es zu viel“, klagt er und fügt selbstironisch hinzu: „Ich bin wahrscheinlich der größte Nörgler der Welt, was das Wetter angeht.“

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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