Nintendo
Warten auf den nächsten Geniestreich

Mario, Donkey Kong, Wii – Nintendo lebt von den verrückten Ideen seines Chefdesigners Shigero Miyamoto. Mit seinen Spielen wurde Nintendo vom pleitebedrohten Underdog zum unangefochtenen Marktführer. Doch die Krise setzt auch dem Primus der Spielewelt zu.

LOS ANGELES. Das legendäre Kodak Theatre in Hollywood. Der Saal ist abgedunkelt, aber diesmal werden keine Oscars verliehen. Im Hintergrund stimmen Musiker ihre Instrumente. Shigero Miyamoto betritt ruhig die Bühne des zum Bersten gefüllten Auditoriums. Schwarzer Frack, weißes Hemd, korrekt sitzende Fliege, in der rechten Hand: ein Videospielecontroller. Der schmächtige Mann mit dem wirren schwarzen Haar hebt bedächtig die Arme, drückt einen Knopf, und mit seinen rhythmischen Armbewegungen erwacht an diesem Morgen im Mai 2006 auf einer Leinwand ein Orchester aus digitalen Knubbelmännchen zu lautstarkem Leben. Ein schräges Konzert, das Marktführer stürzen und eine ganze Industrie verändern sollte. Dirigiert vom Mastermind der japanischen Spieleschmiede Nintendo, dem Vater von Mario, Zelda, Donkey Kong & Co. Gespielt auf einer unbekannten kleinen Videokonsole mit dem merkwürdigen Namen „Wii“. Danach war nichts mehr, wie es war.

Nintendo wuchs vom pleitebedrohten Underdog zum unangefochtenen Marktführer. Miyamoto entwickelte witzige Fitness-Spielgeräte wie „Wii Sports“ oder das millionenfach verkaufte „Wii Fit“, das eine neue Spielergeneration erreichte und Rekordgewinne einfuhr.

Doch das ist Vergangenheit: Heute könnte die Videospiele-Industrie eine Revolution nach Art der „Wii“ wieder dringend gebrauchen. Wenn die Branchenmesse Gamescom heute in Köln ihre Tore öffnet, geschieht das vor dem Hintergrund abstürzender Absatzzahlen. In den USA, größter Einzelmarkt der Welt, sind die Umsätze der Branche seit fünf Monaten im freien Fall, allein im Juli sackten sie erneut um 29 Prozent auf 848 Mio. Dollar ab. Selbst Nintendos „Wii“ hatte mit nur 252 000 Stück laut Branchendienst NPD-Group den schlechtesten Verkaufsmonat, seit sie im November 2006 in die Läden kam. Noch stagnieren in Deutschland die Verkäufe wenigstens, aber die Angst vor amerikanischen Verhältnissen geht um.

Dann braucht man Männer wie den 1952 geborenen, gelernten Industriedesigner Miyamoto. Was der Steven Spielberg der Gamingindustrie erfindet, spielt Hunderte Millionen Dollar, nicht selten auch Milliarden ein. Im Juli wählten ihn 9 000 Spieleentwickler weltweit zu ihrem „Game Developer Hero“, zum Branchengott.

In die Wiege gelegt wurde dem zweifachen Familienvater diese Karriere nicht. Er wuchs in einem Dorf nahe Kyoto auf, ohne Fernseher oder Technikspielzeug. Er zeichnete, durchstreifte die Wildnis und interessierte sich für Musik. Nach dem Studium brachte ihn sein Vater als Spielautomatendesigner bei der 1889 gegründeten Spielzeugfirma Nintendo unter.

Seine Chance kam, als er als Ersatzmann ein Entwicklerteam leiten durfte. Er wollte Videospiele mit Handlung. Aus seinem Lieblingsfilm „King Kong“ nahm er den Affen, und die Frau wurde zur Freundin eines Handwerkers (später Mario), die von „Donkey Kong“ entführt wurde. Zu ihrer Rettung galt es, über Leitern zu klettern oder über explodierende Hindernisse zu springen. Das „Jump&Run“-Abenteuer war geboren. Nintendos Vertriebstruppen in den USA waren entsetzt, aber Miyamotos Mentor setzte sich durch. Der Automat wurde ein Riesenerfolg und begründete das Fundament des heutigen Nintendo. Mit „Mario“ und Gameboy wuchsen Generationen auf. Heute warten alle auf seinen nächsten Geniestreich. Und der muss kommen. Kaz Hirai, Chef des Rivalen Sony, glaubt, dass die „Wii“-Welle abebbt: „Die Leute sind jetzt fit oder haben es aufgegeben. Auf jeden Fall brauchen sie wohl keine Wii mehr“, kommentierte er die Nintendo-Zahlen. Sony konnte von der „Playstation 3“ im Frühjahr erstmals in Japan mehr verkaufen als Nintendo von der „Wii“. Und der Konzern senkt den Preis: Eine überarbeitete Version der „Playstation 3“ werde ab September für 300 statt bisher 400 Euro auf den Markt kommen, kündigte Sony gestern an. Nintendo ist im Zugzwang – Miyamoto, übernehmen Sie!

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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