Nivea geht nach China
Wie geschmiert

"China ist wirklich sehr faszinierend und sehr speziell. So banal es auch klingt, das Essen steht ziemlich weit oben auf der Liste der Herausforderungen." Quallensalat, Kampftrinken und erste chinesische Sätze hat Ismene Grohmann schon gemeistert. Nun will sie die Chinesen für die deutsche Traditionsmarke Nivea begeistern.

DÜSSELDORF. Die erste Feuerprobe erwartete Ismene Grohmann gleich in der zweiten Woche bei einem Treffen mit Außendienstlern in Südchina. Das beste Reptilien- und Insektenrestaurant am Platze hatten die Beiersdorf-Kollegen für die neue Chefin aus Hamburg ausgesucht, es voll Fürsorge als "Seafood-Haus" verniedlicht und den Gast aus Germany durch den Nebeneingang in den Gourmet-Tempel geführt. Im Private Room, das gilt in China als schick, tischten die Gastgeber der Marketing-Managerin eine Köstlichkeit nach der anderen auf. Zunächst ein paar undefinierbare Kleinigkeiten zum Entrée - warum nicht? Ein wenig Qualle? Man will ja nicht unhöflich sein. Dann eine seifige Suppe? Nun ja. Und schließlich eine hirnartige Schildkrötenmasse, garniert mit zig kleinen Skorpionen. "Da bin ich dann doch eingeknickt", lacht Grohmann in der Rückschau. Beim Verlassen des Restaurants, dieses Mal durch den Haupteingang, überkam die Volkswirtin dennoch ein warmes Gefühl der Dankbarkeit: "Es waren auch noch Schlangen, Krokodil, eine sehr lebendige Maden-Delikatesse, Kröten am Stück und Käfer im Angebot. Ich hatte offenbar nur die harmlose Ausländerversion bekommen."

Nein, zimperlich ist Grohmann weiß Gott nicht. Offenheit und Lust auf Neues haben die 34-Jährige, die als Tochter einer Deutschen und eines Griechen im ostwestfälischen Warburg aufwuchs, schon früh beflügelt: Als eine der Ersten in ihrer Heimat verbrachte sie ein Schuljahr im Ausland, in Montpellier, studierte VWL in Marburg, absolvierte Praktika in Paris und Birmingham und arbeitete ein halbes lang Jahr als Beiersdorf-Young-Professional in Singapur. Und nun also China. Im September 2007 wechselte Grohmann von Hamburg in die Boom-Stadt Schanghai. Dass sie früher oder später ins Ausland gehen würde, stand schon länger fest: Wer bei Beiersdorf Karriere machen will, für den empfiehlt sich die Expedition. Als das Angebot für China kam, passte es perfekt. Das Land, von dem zurzeit alle sprechen, bot viel: einen überaus dynamischen Markt, eine große strategische Verantwortung und ein Menge zu lernen. Dass sie damals privat ungebunden war, erleichterte die Entscheidung zusätzlich. "Während einer kurzen Bedenkzeit stieg meine Lust auf den Job und die Chance, eine völlig andere Kultur kennenzulernen - und das auch noch zu Olympia-Zeiten."

Nach einem halben Jahr kann Grohmann ein erstes Fazit ziehen: "China ist wirklich sehr faszinierend und sehr speziell. Und so banal es auch klingt, das Essen steht ziemlich weit oben auf der Liste der Herausforderungen, gerade weil es hier so eine große Bedeutung hat." Meetings und Geschäftsabschlüsse werden fast immer durch ein ausgiebiges Abendessen gekrönt. Immer wird chinesisch gespeist, "in Schanghai ziemlich fett und für unser Gefühl geschmacksarm." Ablehnen ist verpönt. Und: Alkohol gehört dazu - und das nicht zu knapp. Nach einer Art Initiationsritual mit dem Vertrieb kann Grohmann allerdings kaum noch etwas aus der Bahn werfen: "Man hatte für mich eine Art Kampftrinken auf Ex organisiert, um zu sehen, wer am längsten durchhält. Zwischen Männern und Frauen wird da leider kein Unterschied gemacht. Und wer sich drückt, verliert das Gesicht - eine Todsünde in China. Da musste ich also durch."

Platz eins in der Liste der Herausforderungen nimmt jedoch die Sprache ein. Fakt ist: Außerhalb der Firma spricht kaum jemand Englisch. "Deshalb bekommt man zunächst nicht viel mit - und das ist sehr anstrengend", sagt die Volkswirtin, die drei Jahre im Land bleiben will. Nach einem Chinesisch-Crash-Kurs in Hamburg und sechs Monaten vor Ort ist Grohmann immerhin so weit, dass sie dem Taxifahrer den Weg zum Büro erklären und beim Bäcker um die Ecke bao zi, leckere gefüllte Brötchen, bestellen kann. Die Fortschritte schaffen zwar Erleichterung, "auf der Straße vor meiner Haustür verstehe ich aber immer noch nichts", so Grohmann. Dort wird ein starker Dialekt gesprochen. Als noch viel anspruchsvoller hat sich die Schrift entpuppt. Ihre Einsicht: "In drei Jahren neben dem Job nicht zu lernen - ich bleibe also wohl umgeben von Zeichen, die ich nicht lesen kann", seufzt sie.

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