Noch läuft nicht alles rund
Große Mädchen weinen nicht

Da sitzt sie, gepflegt, schmallippig, im dunkelblauen Hosenanzug. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, beobachtend. Ihr Gegenüber auf der anderen Seite des Konferenztisches: knapp 20 verschreckt blickende, junge Menschen.

ATLANTA. Jeder von ihnen will einen Job in ihrem Imperium. Nur einer wird ihn bekommen, nach Wochen des Wettbewerbs und der Auslese – ständig begleitet von Fernsehkameras. Ihr sei zum Weinen zumute, sagt eine der Kandidatinnen. Da entgegnet die Unternehmerin ruhig und mit herzenskühlem Lächeln: „Wenn du weinst, bist du draußen. Große Mädchen weinen nicht, meine Liebe.“

Martha Stewart ist zurück. Nach fünf Monaten Gefängnis und fünf weiteren unter Hausarrest zeigt die Königin des sauberen amerikanischen Lebensstils eisern Präsenz: Mit zwei Fernsehshows in der Woche, einer täglichen Lifestyle-Sendung „Martha“ und der Zweitauflage der Nachwuchsmanager-Suchshow „The Apprentice“. Die verhalf immerhin auch dem New Yorker Immobilienmogul Donald Trump wieder ins Rampenlicht.

Und natürlich gibt es auch ein Buch, der Ratgeber „The Martha Rules“ stürmte gleich in der ersten Woche auf die Bestsellerliste der „New York Times“. Und so führt das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ Stewart trotz Gefängnisintermezzo auf dem 21. Platz der „Liste der 50 mächtigsten Frauen“ der US-Wirtschaft.

Amerika liebt eben Geschichten von Gefallenen und Geläuterten, von Menschen, die sich nach oben kämpfen, tief sinken und wieder aufsteigen zu Erfolg und Ruhm. Geschichten wie die von Martha Stewart. In der Novemberausgabe des Wirtschaftsmagazins „Fortune“, deren Titel ihr Gesicht ziert, sagt sie: „Ich habe gelernt, dass ich nicht zu zerstören bin.“

Die 64-Jährige baute in den 90er-Jahren ihr Unternehmen Martha Stewart Living Omnimedia zu einem Imperium auf mit Fernsehshows, Zeitschriften, Büchern, Haushaltswaren und Einrichtungsgegenständen. Ihre Person ist Marke und zentrales Produkt. Sie präsentierte Kochrezepte und Dekorationsideen, gab Tipps zu Gartenpflege und Heimtierhaltung. Stewart wurde zum Idol der Vorstadthausfrauen. Sie stürzte über ein Aktien-Insidergeschäft. Sie belog die Ermittler und wurde wegen Falschaussage und Behinderung der Justiz zu fünf Monaten Haft, fünf Monaten Hausarrest und 30 000 Dollar Geldstrafe verurteilt.

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