Nokia
Auch Vizechef Vanjoki geht

Stühlerücken wäre eine derbe Untertreibung, wenn man beschreiben will, was gerade bei Nokia passiert: Nachdem vor drei Tagen Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo seinen Rücktritt angekündigt hatte, nimmt nun auch Vize-Chef Anssi Vanjoki seinen Hut.
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STOCKHOLM. Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Nur drei Tage nachdem sich der weltgrößte Handy-Hersteller, Nokia aus Finnland, von seinem Chef Olli-Pekka Kallasvuo getrennt hat, steht der nächste Wechsel an der Spitze des einstigen Branchenprimus an: Anssi Vanjoki erklärte gestern seinen Rücktritt vom Posten als Chef der Nokia-Sparte für Smartphones und Internetdienste. Es sei die Zeit gekommen, „etwas Neues im Leben zu beginnen“, ließ der ansonsten wenig wortkarge Finne schriftlich verlauten. Gleichzeitig unterstrich er, dass er bis zu seinem „letzten Arbeitstag“ in einem halben Jahr sein Bestes für das Unternehmen geben werde, in dem er seit nahezu 20 Jahren arbeitet. Vanjoki war für den Umbau von Nokia in einen modernen Technologiekonzern maßgeblich mitverantwortlich.

Dass er nun kurz nach dem Rauswurf von Kallasvuo und der Ernennung des Microsoft-Managers Stephen Elop selbst geht, ist aus seiner Sicht nur eine logische Konsequenz. Vanjoki, der nie ein Kind von Traurigkeit war und stets mit lautem Mundwerk voranging, galt seit Jahren als Chefstratege des Unternehmens und möglicher Nachfolger von Kallasvuo. Erst im Mai dieses Jahres übernahm er mit der Smartphone- und Internet-Sparte den wichtigsten Nokia-Bereich.

Schon als sein Ziehvater, der ehemalige Nokia-Chef Jorma Ollila, vor vier Jahren als Vorsitzender in den Nokia-Aufsichtsrat wechselte, schien der Weg frei für den streitbaren Vanjoki. Doch zur Überraschung vieler wurde der wenig charismatische Kallasvuo zum Nachfolger ernannt. Aber Vanjoki biss sich weiter durch und schien fast am Ziel. Doch die Ernennung des Kanadiers Elop zum neuen Nokia-Chef muss ihn heftig getroffen haben, und nur ein Wochenende später will der sympathische Finne nicht mehr.

Es dürfte nicht nur verletzte Eitelkeit sein, die ihn zu dem Rückzug bewogen hat. Vanjoki, der vor der Übernahme der Smartphone-Sparte bereits die bislang erfolglose Internetstrategie des Konzerns formte und der selbst den mittlerweile zum nervtötenden Ohrwurm gewordenen typischen Nokia-Klingelton aussuchte, wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, viel zu spät die enorme Anziehungskraft von Apples iPhone erkannt zu haben. Als es der Ökonom bemerkte, war der Marktanteil der Finnen bei den äußerst rentablen Geräten bereits von 45 Prozent im vergangenen Jahr auf jetzt 37,4 Prozent gerutscht. Sein größter Nachteil allerdings dürfte gewesen sein, dass er als Nokia-Urgestein nicht unbedingt für den von den Aktionären postulierten Neuanfang steht.

Schlag auf Schlag: erst Kallasvuo, dann Vanjoki, und auch Verwaltungsratschef Ollila hat angekündigt, nach der Einarbeitungsphase von Elop von seinem Posten zurückzutreten. Zunächst einmal, so sagte Vanjoki gestern, freue er sich, auf der heute in London beginnenden wichtigsten Hausmesse von Nokia, der Nokia World, „neue spannende Geräte“ vorstellen zu können.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent

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