Notenbank
Greenspan denkt nicht an Ruhestand

Als Alan Greenspan zum Sprung in die Annalen der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ansetzte, war er in einem Alter, in dem die meisten Leute in Europa längst an die Rente denken.

dpa WASHINGTON. Als Alan Greenspan zum Sprung in die Annalen der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ansetzte, war er in einem Alter, in dem die meisten Leute in Europa längst an die Rente denken.

Von einem gemütlichen Vorruhestandsposten wollte Greenspan nichts wissen, als er mit 61 Jahren 1987 auf den Chefsessel der mächtigsten Notenbank der Welt vorrückte. In den gut 18 Folgejahren erlangte er Weltruf als genialer Zinspapst und Finanzmagier. Seit Ende Januar ist Greenspan offiziell im Ruhestand, doch denkt der promovierte Ökonom auch zum 80. Geburtstag am Montag (6. März) nicht daran, die Beine hochzulegen.

Greenspan doziert wie eh und je über die Konjunktur, die Energiepolitik, den Immobilienmarkt und die Rentenkasse, als heiß umworbener Gastredner bei illustren Bankertreffen an der Wall Street in New York. Nur zur Geld- und Zinspolitik schweigt der Mann, der einst mit einem einzigen Wort oder einer besonders tiefen Sorgenfalte auf der Stirn die Finanzmärkte in Bewegung setzen konnte - aus Respekt vor seinem Nachfolger Ben Bernanke. Und nebenbei, sagen Freunde, will Greenspan noch eine neue Beraterfirma gründen.

Dabei hat der Hobby-Jazzer, der seine Saxophon-Leidenschaft einst zum Beruf machen wollte, wahrlich genügend Lorbeeren gesammelt, um sich auszuruhen. Greenspan wurde schon zu Lebzeiten zur Legende. Er gilt als Architekt des längsten Konjunkturaufschwungs in der US- Nachkriegsgeschichte. Konjunkturdellen, Finanzkrisen, Marktunruhen - stets rief zumindest die (Finanz-)Welt nach Greenspan, der es schon richten sollte. Er gilt als genialer Lenker, der die größte Volkswirtschaft der Welt geschickt durch den Börsencrash von 1987, zwei Rezessionen, die Asienkrise, die Folgen der geplatzten Technologieblase Ende der 90er Jahre und die Terroranschläge vom 11. September 2001 bugsierte.

Legendär sind auch seine obskuren Verbal-Pirouetten. Weil jedes Wort aus seinem Mund auf die Goldwaage gelegt und in alle Richtungen gedeutet wurde, pflegte Greenspan einen fast unergründlichen Sprachstil. Seine Wortschöpfung „Irrationale Überschwänglichkeit“ für die Aktienboom der 90er Jahre verewigte der Komponist Robert Pound sogar in einer eigens geschaffenen zwölfminütigen Ouvertüre.

Der Notenbankchef kokettierte gerne mit seinem Ruf als schwer zu deutendes Orakel. „Ich sollte Sie warnen: wenn es sich so anhört, als hätte ich mich besonders klar ausgedrückt, haben Sie mich wahrscheinlich missverstanden“, sagte er gerne bei Vorträgen, und hinter seiner übergroßen Brille war dann der Anflug eines Lächelns zu sehen. Ein Golfpartner bekam auf die Frage „Na Alan, wie geht's?“ schon mal verschmitzt als Antwort: „Dazu darf ich mich nicht äußern.“

Von Greenspans Hang zu verschlungenen Satzungetümen weiß auch seine zweite Frau Andrea Mitchell ein Lied zu singen. Erst seinen dritten Heiratsantrag habe sie 1997 richtig verstanden, erzählt sie immer. Der Mann, der jahrelang bei Tage über den obskursten Statistiken brütete, wird abends nach Angaben Eingeweihter zum richtigen Partylöwen. Greenspan ist in den Partyzirkeln der Mächtigen und Reichen der US-Hauptstadt eine feste Größe.

Greenspan wuchs in New York in einfachen Verhältnissen auf. Nach der Schule studierte er am renommierten Musikkonservatorium Juillard Saxophon, ehe er in den Fachbereich Ökonomie der New Yorker Universität wechselte. „Ich war ein guter Amateur, aber nur ein durchschnittlicher Profi“, erklärte er Jahre später. Auf dem Gebiet der Wirtschaftsanalyse brillierte er dann. Greenspan gründete eine Firma für Wirtschaftsberatung. 1967 beriet er den späteren Präsidenten Richard Nixon in Wirtschaftsfragen, in den 70er Jahren Präsident Gerald Ford. Zur Fed holte ihn Präsident Ronald Reagan.

Das Thema Rente kommt bei Greenspan bis heute nur im Zusammenhang mit Warnungen vor, etwa vor einer Insolvenz der staatlichen Rentenkasse. Einen unkonventionellen Weg zur Sanierung macht er selber vor: die Brötchen auch im hohen Alter weiter zu verdienen.

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