Nur Mitarbeiter über 45: das Experiment der dänischen Supermarktkette Netto.
Reife am Regal

Nur Mitarbeiter über 45: Das Experiment der dänischen Supermarktkette Netto, das so mancher in der Handelsbranche beim Start vor fünf Jahren als nordische Verrücktheit abtat, ist zum Erfolg geworden.

BERLIN. Wer zwei Jahre lang keine Arbeit mehr hat, der verliert langsam die Hoffnung. Wer dann noch 50 Jahre alt ist, für den ist es eine Tortur. Für die meisten in diesem Lebensabschnitt bleibt nur das Warten auf die Rente.

Hannelore Bentlin schien so ein Fall zu sein. Auf Sozialhilfe runtergestuft. Dem alten Eisen zugeordnet. Ihre Stelle in der Fischabteilung eines Supermarkts wurde gestrichen, über zwei Jahre versuchte sie, etwas Neues zu finden: „Ich habe dauernd Zeitungen durchwälzt, telefoniert, rumgehorcht, mich sogar umschulen lassen – auf Textilien, Lederwaren und Schuhe“, sagt die heute 55-jährige Ost-Berlinerin.

Wenn sie von den Jahren voller Kummer spricht, klingt Bentlin noch heute verbittert. Keine Arbeit, das kannte die fleißige Frau mit dem rot gefärbten Kurzhaarschnitt nicht: Nach der Lehre hatte sie jahraus, jahrein Essen verkauft, vier Kinder großgezogen, mit Heimarbeit ihre Haushaltskasse aufgebessert, bei der Reichsbahn Plätze reserviert und im Supermarkt Fisch verkauft. Bis ihre Stelle betriebsbedingt abgebaut wurde. „Da kapituliert man“, sagt sie leise.

Dann der Hoffnungsschimmer: Netto, ein Discounter aus Dänemark, wollte einen neuen Markt in Berlin-Lichtenberg eröffnen – und suchte ausschließlich Mitarbeiter, die älter als 45 waren. „Am 8. April 1999 bekam ich den Anruf, am Tag darauf habe ich angefangen. Das war wie ein Lottogewinn.“ Für ihre Kollegin Marion Thieme, mit 48 Jahren die Jüngste im Team, und Dieter Cuche, mit 65 Jahren der Älteste, auch.

Fünf Jahre liegt der Neustart nun zurück. Was mancher in der Handelsbranche als nordische Verrücktheit abtat, ist zum Erfolg geworden. „Die Vorurteile gegen ältere Arbeitskräfte haben sich alle nicht bestätigt“, sagt Margit Kühn, stellvertretende Deutschland-Chefin von Netto. Engagiert seien die älteren, belastbar, genauso wenig oder oft krank wie Jüngere und erfahren im Umgang mit Kunden.

Für Verkäuferin Bentlin waren die fünf Jahre bei Netto gute Jahre: „Die Arbeit gibt mir großen Halt“, sagt sie und lehnt sich auf dem Stuhl in der kleinen Mitarbeiterküche zurück.

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