Öl-Prozess
Chodorkowskij droht die zweite Haftstrafe

Ab heute wird in Moskau das Urteil gegen den früheren Yukos-Chef verlesen. Der Staatsanwalt fordert für den Diebstahl von 218 Millionen Tonnen Öl eine Gesamthaftstrafe von 14 Jahren. Chodorkowskijs Ehefrau Inna hat die Hoffnung auf einen Freispruch aufgegeben.
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MOSKAU. Am 15. Dezember, als Verteidiger, Journalisten und Besucher zur Urteilsverkündung im Fall Chodorkowskij erschienen, klebte an der Tür des Chamowniki-Gerichts in Moskau ein Zettel. Die Sitzung sei verschoben worden, stand darauf. Ab heute wird nun das Urteil gegen den Ex-Ölbaron Michail Chodorkowskij verlesen. Die Kremlstrategen bewiesen mit der Terminverschiebung taktische Raffinesse: Das Medienecho wird wegen der Feiertage überschaubar bleiben. Sie habe keine Hoffnung auf einen Freispruch, sagte Chodorkowskijs Ehefrau Inna in einem am Sonntag veröffentlichten Interview des Magazins "Snob". Ihr Mann werde aber immer weiterkämpfen und seine Unschuld beweisen.

Der heute 47-Jährige war einst der reichste Mann Russlands, sein Ölkonzern Yukos galt als das profitabelste Rohstoffunternehmen des Landes. Bis aus dem Unternehmer ein Oppositioneller wurde: Er unterstützte kremlkritische Parteien mit privaten Millionen und verhandelte mit dem US-Konzern Exxon, der Anteile an Yukos erwerben wollte.

Viele Ungereimtheiten

Im Oktober 2003 wurde Chodorkowskij am Flughafen von Nowosibirsk verhaftet. Yukos wurde mit Steuernachforderungen in den Bankrott getrieben, zerschlagen und verstaatlicht. Chodorkowskij wurde wegen Steuerbetrugs zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt - ein Strafmaß, das im kommenden Oktober abgesessen wäre.

Es gebe Kreise, die ihn hinter Gittern sehen wollen, sagte Chodorkowskij im Frühjahr dem Handelsblatt. Damals ließ er offen, wen er damit meint. Hinter den Kulissen munkelt man seit jeher, dass Seilschaften um Premier Wladimir Putin die Verfahren gegen ihn eingefädelt haben. Als Strippenzieher gilt Vize-Premier Igor Setschin. Er leitet den Aufsichtsrat des Staatskonzerns Rosneft, dem einst die Filetstücke der Yukos-Gruppe zufielen.

Nun soll Chodorkowskij also ein zweites Mal verurteilt werden. Staatsanwalt Walerij Lachtin fordert eine Gesamthaftstrafe von 14 Jahren. Er wirft ihm vor, die gigantische Menge von 218 Millionen Tonnen Öl gestohlen zu haben, was in etwa der gesamten Yukos-Produktion in den Jahren 1998 bis 2003 entspricht. Es handelt sich um jenes Öl, bei dessen Export Chodorkowskij angeblich Steuern hinterzogen haben soll. Wie das logisch zusammenpasst, können sich Prozessbeobachtern auch nach 18 Monaten nicht erklären.

Ob er für schuldig erklärt wird oder nicht, entscheidet sich wahrscheinlich noch am Montag. Welches Strafmaß der Richter verhängt, wird erst nach mehrtägiger Verlesung des Urteils bekannt gegeben.

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