Oft kommen Manager zu Fall, wenn Erniedrigte, Übergangene, Verletzte sich rächen. Dann ist Zahltag für alte Sünden
Die späte Rache der Gedemütigten

Die Karriere ging steil nach oben, der Fall war umso tiefer: Noch im vergangenen Frühjahr wurde Ernst Dieter Berninghaus als neuer Hoffnungsträger des Handelskonzerns Rewe gefeiert – heute hat er eine saftige Klage seines Ex-Arbeitgebers wegen Betruges am Hals. Der fordert über 27 Millionen Euro Schadenersatz von seinem Ex-Vorstandschef. Egal wie die Sache ausgeht: Berninghaus’ Ruf und Karriere dürften ruiniert sein.

Delikat wird die ganze Sache durch die Vermutung, dass Berninghaus durch einen gezielten Hinweis zu Fall gebracht wurde. Durch einen Insidertipp über ein angeblich unsauberes Geschäft, das fünf Jahre zurücklag. Späte Rache ist süß.

Der Reihe nach: Berninghaus fädelte im Jahr 2000 den Kauf der Schweizer Internetfirma Nexum für 25 Millionen Euro ein, um Rewe – so die Argumentation – fit für den Onlinehandel zu machen. Für Berninghaus sprangen dabei 6,3 Millionen Euro Provision heraus, die heimlich auf sein Konto in der Karibik flossen. Was angeblich keiner wusste: Berninghaus selbst saß kurzzeitig im Aufsichtsrat von Nexum.

Bei einer Betriebsprüfung – so wird kolportiert – führt angeblich Berninghaus’ Vorgänger Hans Reischl die Steuerfahnder auf die Fährte, die zum Inhaber des Kontos in der Karibik führt. Pikant: Denn Reischl förderte einst Berninghaus, holte ihn selbst von Metro zu Rewe und hievte ihn in den Vorstand. Berninghaus aber zeigte sich 2005 damit erkenntlich, seinen Gönner vorzeitig aus dem Vorstand zu kegeln – um selbst dessen Position einzunehmen. Was besonders erniedrigend für Reischl war: Als er den Aufhebungsvertrag unterschrieb, waren Computer und Telefon schon abgeklemmt, selbst die Tiefgarage durfte er nicht mehr benutzen, berichtete das „Manager Magazin“.

Auf so viel Forschheit des untreuen Ziehsohns folgte kein halbes Jahr später sein tiefer Fall. Berninghaus trat am 15. Oktober im vergangenen Jahr wegen einer schweren Krankheit – so hieß es offiziell –, zurück. Es folgte die Zivilklage von Rewe. Der Staatsanwalt ermittelt nun auch gegen ihn wegen Steuerhinterziehung und Betrugs.

Wer auch immer den entscheidenden Hinweis gegeben haben mag, er hat ganze Arbeit geleistet. Amerikaner nennen das Payback Time – Zeit für späte Rache. Rache für alle möglichen Verletzungen, Erniedrigungen oder sonstige Schandtaten, die der Täter selbst lange vergessen hat.

Fast scheint es, als habe sich klammheimlich eine Kultur des Heimzahlens in der Wirtschaftswelt und Politik etabliert. Doch die Angeschwärzten sind oft selber schuld: Nur aufs eigene Vorankommen bedacht, schaffen sich Führungskräfte im Laufe ihres Berufslebens oft zahlreiche Feinde – ohne zu bedenken, dass die Gedemütigten es ihnen irgendwann einmal heimzahlen könnten. Auf dem Weg nach oben schlagen sie Konkurrenten rüde aus dem Felde oder schikanieren Mitarbeiter, kurzum: Sie hinterlassen verbrannte Erde, auf der nach dem Tag X nichts mehr gedeiht. Manchen ist dies nicht einmal bewusst.

Und natürlich schützen die, die es jemandem durch ihr Anschwärzen heimzahlen wollen, hehre Motive vor. „Das erfolgt immer unter dem Vorwand hoher ethisch-moralischer Prinzipien, der Herstellung von Gerechtigkeit und Klarheit“, erklärt Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Zugleich ist das eine Schutzhaltung derjenigen, die tatsächlich oder subjektiv gelitten haben und durch den Zahltag wieder Gerechtigkeit herstellen.“

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