ORF-Chef Wrabetz
Violette Krawatte, schwarze Gegner

Der neue ORF-Chef Wrabetz muss aufpassen, sich nicht in Politintrigen zu verfangen.

WIEN. Wer die Prozession beobachtet hat, die sich in der vergangenen Woche über den Wiener Küniglberg wälzte, dem fiel ein Farbtupfer ins Auge: lila. Die lila Krawatte des frisch gekürten ORF-Intendanten Alexander Wrabetz.

Lila wurde bisher auf dem Küniglberg, wo Österreichs öffentlich-rechtlicher Monopolsender ORF seinen Sitz hat, nicht getragen. Schwarz ja, rot natürlich, manchmal orange und blau – solche Farben stehen für die Parteizugehörigkeit der leitenden Mitarbeiter, die beim ORF die selbe wichtige Rolle spielt wie bei ARD und ZDF.

Wrabetz aber, der Ende vergangener Woche gekürt wurde, trägt lila und macht damit deutlich, dass er von einer Regenbogenkoalition gewählt wurde. Er betrachte Violett „als liturgische Farbe“, scherzt der Mann, der die Macht der Schwarzen – der regierenden österreichischen Volkspartei also – sechs Wochen vor den Parlamentswahlen in Wien gebrochen hat.

Schluss soll sein mit dem mitunter ruppigen Umgangston seiner Vorgängerin Monika Lindner, die auf dem Ticket der Volkspartei an die Spitze gekommen war und bis zuletzt daran geglaubt hatte, eine zweite Amtsperiode lang residieren zu können.

Ihre Bilanz ist zwiespältig: Auf der einen Seite hat sie erfolgreich das Projekt, den ORF 2 in ganz Europa via Satellit empfangbar zu machen, durchgeboxt, die Sendetechnik ausgegliedert, die Medienbeteiligungsgesellschaft der österreichischen Raiffeisengruppe mit ins Boot geholt und dadurch schwarze Zahlen geschrieben. Auf der anderen Seite hat auch sie nicht verhindern können, dass die Marktanteile der ORF-Programme angesichts der Konkurrenz, die vor allem aus Deutschland über die Grenze sendet, kontinuierlich sinken.

Wrabetz muss das nun richten. Der 46-jährige Wiener, der bislang die Finanzen des ORF verwaltete und gegen sinkende Werbeeinnahmen zu kämpfen hatte, verspricht „eine Wende zum Besseren – zum noch Besseren“. Mehr Qualität, mehr Information sollen den ORF unverzichtbar machen. Als „nett, umgänglich und kompetent“ bezeichnen Zeitgenossen den neuen Chef.

Wie immer in Wien, wenn einer gewonnen hat, melden sich als Erste auch die Kritiker: Sie halten seine Pläne für „Wischiwaschi“, fürchten, dass der ORF in einer intellektuellen Ecke landet, für die sich niemand interessiert, und lenken die Aufmerksamkeit auf das Gehalt des neuen Mannes: 320 000 Euro soll es betragen plus Prämien, die vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig sind. Dabei seien die Ziele so niedrig, dass sie locker erreicht würden, heißt es. Selbstverständlich kommt dieser Einwurf von schwarzer Seite.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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