Osteuropa
Allein unter Westlern

Sándor Csányi, Chef von Ungarns größter Bank OTP, verteidigt in der Finanzkrise seine Unabhängigkeit. Keine einfache Aufgabe.

WIEN. Banker in Osteuropa zu sein, ist im Moment nicht gerade eine besondere Freude. Das spürt auch Sándor Csányi, Chef der größten ungarischen Bank OTP. Vor ein paar Jahren noch als bester Bank-Chef des Ostens gefeiert, muss Csányi heute versuchen, sein Imperium mit aller Macht zusammenzuhalten.

Keine Dividende für 2008, Stellenstreichungen, Gewinneinbruch, die Ratingagenturen stufen OTP zurück - das ist die Gegenwart, der sich der 56-jährige Vorstandschef ausgesetzt sieht. Auch bei den Tochtergesellschaften im Ausland läuft es schlecht, Sorgen bereiten vor allem die Ukraine und Russland. Und Csányi muss nicht weit aus dem Jugendstil-Prachtbau der OTP im Budapester Zentrum schauen, um die Malaise vor der eigenen Haustür zu erkennen: Ungarns Wirtschaft wird dieses Jahr um sechs Prozent schrumpfen.

Doch trotzdem ist Sándor Csányi so etwas wie der Stachel im Fleisch für die Banker in Osteuropa, vor allem für die Konkurrenten aus dem Westen. Während die Geldhäuser aus Österreich, Italien, Frankreich und Schweden das Geschehen in den meisten Ländern der Region dominieren, hat sich Ungarn dem Zugriff aus dem Westen entzogen. Dank Sándor Csányi und der OTP-Bank, dem größten Kreditinstitut in Ungarn und der Nummer sechs in Osteuropa. Mit 30 000 Beschäftigten und 1 500 Filialen hat Csanyi etwas zu sagen. In Ungarn sowieso, wo er als einer der reichsten Männer gilt.

Vielleicht liegt es an seiner Herkunft aus ländlichen Verhältnissen, dass er bis heute nichts von seiner Durchsetzungskraft verloren hat. Nach dem Wirtschaftsstudium und Stationen in der Regierung hat er sich zum einflussreichsten Manager Ungarns emporgearbeitet. In der Politik ist der bestens verdrahtet, gern schaltet er sich in die politische Diskussion des Landes ein. Sein Credo ist klar: "Ich unterstütze die radikalsten Reformen." Csányi verlangt einen drastischen Sparkurs, damit Ungarn wieder aus der Krise herauskommt.

Seine guten Kontakte in die Politik sind auch für ihn an der OTP-Spitze extrem hilfreich. Die Regierung unterstützt ihn sofort, wenn wieder einmal Übernahmegerüchte auftauchen. Besonders die russische Sberbank soll ein Auge auf die Ungarn geworfen haben. "Westeuropäische Banken würden bei einer Übernahme kartellrechtliche Probleme bekommen", erklärt Erste-Bank-Analyst Gernot Jany, deren Zurückhaltung und das Interesse der Russen.

Csányi ist um keine Finte verlegen, um die Unabhängigkeit der OTP-Bank zu bewahren. Im April hat er einen Aktientausch mit dem heimischen Energieriesen Mol durchgesetzt - auch das soll mögliche Käufer abschrecken. Die eigene Regierung hilft mit einem Staatskredit aus, in der kommenden Woche wird Csányi wahrscheinlich ein Hilfspaket von der europäischen Entwicklungsbank EBRD bekommen. Das sollte eigentlich reichen, um die Unabhängigkeit zu bewahren.

Denn eines ist klar: Auch in Ungarn wird es wieder bessere Zeiten geben. Auch für die OTP-Bank.

Sándor Csányi

1953: Sándor Csányi wird am 20. März im 5 000-Einwohner-Örtchen Jászárokszállás geboren, das etwa 70 Kilometer östlich von Ungarns Hauptstadt Budapest liegt.

1974: Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der Budapester Hochschule für Finanz- und Rechnungswesen

1980: Diplom an der Wirtschaftsuniversität von Budapest.

1983: Promotion , danach Karrierestart im Sekretariat des Finanzministeriums.

1983: Abteilungsleiter im Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung.

1986: Wechsel in die Privatwirtschaft als Abteilungsleiter der Magyar

1989: stellvertretender Vorstandschef bei der K&H Bank

1992: Chef der OTP, der größten ungarischen Bank

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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