Parmalat und das Scheitern der Hochfinanz: Milchmann im Größenwahn

Parmalat und das Scheitern der Hochfinanz
Milchmann im Größenwahn

Der Kerker von San Vittore steht direkt neben dem Renaissancekloster der Olivetaner mitten in Mailand. Von dort sieht man dieser Tage häufig einen Priester die Straße überqueren und durchs trutzige Tor des Gefängnisses eilen. Es heißt, er bringe die Kommunion für den prominentesten Häftling der Anstalt, Calisto Tanzi, Gründer von Parmalat.

Der Mann, der so nett lächeln konnte, ist das, was man in Italien einen „buon padre di famiglia“ nennt, einen guten Familienvater – einer, der bei Festen im Mittelpunkt seiner Lieben steht und bei Tisch als strenggläubiger Katholik die Salami eigenhändig schneidet. So hat Tanzi auch für seine Kinder großzügig gesorgt: Stefano, 35, wurde Präsident des konzerneigenen Erstligaclubs AC Parma, die ein Jahr ältere Tochter Francesca Direktorin des Reiseveranstalters Parmatour. Wie daheim, so im Büro, sein Milchimperium regierte Calisto wie die Familie. „Tanzi war immer der Padrone,“ erzählt der langjährige Finanzchef Fausto Tonna. Und so sei der Chef nicht nur voll informiert gewesen über alle Probleme. Er habe auch angeordnet, diese zu verschleiern.

Am Ende der Märchenkarriere vom Wursthändler zum milliardenschweren Milchbaron steht der größte Wirtschaftsskandal in der europäischen Firmengeschichte. Hinter dem System Tanzi verbirgt sich ein Netzwerk aus mafiöser Verschwiegenheit, Vetternwirtschaft, skrupellosen Managern und willfährigen Bankern. Doch ist das ein Fall, wie er nur in Italien vorkommt?

Marco Vitale, Mailänder Wirtschaftsprofessor und einer der profundesten Kenner von „Corporate Italy“, sieht das anders: „Der Skandal ist nur in seinen Ursprüngen italienisch. Wir haben es vielmehr mit einem weiteren üblen Kapitel des moralischen Scheiterns der internationalen Hochfinanz zu tun“, redet sich der Professor in Rage. „Die Investmentbanken waren die gleichen wie bei Enron und Co. Gleiche Ratingagenturen, gleiche Wirtschaftsprüfer, ähnliche Mechanismen.“

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