Patricia Russo
Eine Amerikanerin zieht es nach Paris

Sie ist laut „Forbes“ eine der 20 mächtigsten Frauen der USA und eine von nur acht weiblichen Führungskräften an der Spitze eines S&P-500-Unternehmens. Und wenn ihr neuester Plan gelingt, dürfte Patricia Russos Einfluss weiter wachsen.

NEW YORK. Die Chefin des US-Telekomausrüsters Lucent verhandelt mit dem französischen Konkurrenten Alcatel über eine Fusion. Wird geheiratet, dürfte die 53-jährige Russo den neuen Konzern führen. Das dürfte nicht leicht werden für die Amerikanerin aus dem Örtchen Trenton im US-Bundesstaat New Jersey. Denn Firmensitz des Unternehmens soll Paris sein – aus Rücksicht auf den Nationalstolz der Franzosen. Ein bisschen leichter dürfte es Russo allerdings die internationale Firmenkultur bei Alcatel machen, wo Englisch längst Konzernsprache ist.

Vor Herausforderungen ist Russo nie zurückgeschreckt. Im Januar 2001 übernahm sie einen Job, den keiner wollte: Über ein Jahr hatte die Suche nach einem neuen Chef für Lucent gedauert. Der Konzern war schwer angeschlagen durch den Zusammenbruch der Telekombranche und fuhr Milliardenverluste ein. Den Einstieg in Wachstumsmärkte wie Mobilfunk hatte Lucent verschlafen, und die alten Festnetz-Kunden brachen unter Schuldenlasten zusammen.

Russos Vorteil: Sie kannte das Unternehmen gut. Ihre Karriere hatte sie bei IBM gestartet, dann war sie zu AT&T gewechselt und baute Lucent mit auf, als der Telefonmonopolist den Ausrüster abspaltete und an die Börse brachte. Lucents Großkundensparte mit 80 000 Mitarbeitern, die zwei Drittel des Umsatzes brachte, sanierte sie in den 90er-Jahren – mit „strenger Liebe“, sagen ihre damaligen Mitarbeiter.

Russo konnte sich in der von Männern dominierten Technologiebranche behaupten. Manchmal ist aber Rückzug die beste Taktik. Im Jahr 2000 heuert sie als Chief Operating Officer beim Photokonzern Eastman Kodak an, weil sie unter dem damaligen Lucent-Chef Richard McGinn keine Perspektiven mehr für sich sah. Nur acht Monate später ist sie zurück – McGinn war inzwischen gefeuert. Mit Selbstbewusstsein und Verkaufstalent führt Russo Lucent in die Gewinnzone zurück. Tausende Mitarbeiter müssen gehen, sie senkt die Kosten drastisch und konzentriert das Geschäft auf Wachstumsmärkte.

Doch im Januar zeigten die Zahlen für das erste Quartal 2005/2006, dass der Erfolg nicht unbedingt von Dauer ist: Russo stutzt ihre Prognose für das Gesamtjahr deutlich. Analysten sind enttäuscht: „Wenn man seine Visionen nicht in Zahlen umsetzen kann, ist der Job in Gefahr“, sagt Albert Lin von American Technology Research.

Probleme klein reden ist nicht ihr Stil. Sie setzt auf Ehrlichkeit, sagt sie: „Das sind erwachsene Menschen. Was sie von dir hören wollen, ist die Wahrheit, so dass sie vorbereitet sind auf das, was sie erwartet.“ Aber sie kriegt auch selbst manches zu hören. Kürzlich kritisierten Aktionäre, Russo habe in den ersten drei Jahren bei Lucent Aktien und Optionen über mehr als 33 Millionen Dollar erhalten, der Kurs der Aktie sei jedoch nur halb so hoch wie bei ihrem Amtsantritt. Gekümmert hat sie diese Kritik bisher nicht. Management hat Pat Russo früh gelernt: „Wer wie ich in einer Familie mit sieben Kindern aufgewachsen ist, lernt schnell, wie wichtig Teamwork ist“, sagt sie. Aber auch: „Meine behinderten Zwillingsbrüder haben mich gelehrt, die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen.“

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