Paul Nolte ist ein begehrter Gesprächspartner - nicht erst seit seiner spektakulären Streitschrift „Generation Reform“
Guru der neuen Bürgerlichkeit

Vor die rückwärtige Wand der engen Cafeteria haben akademische Witzbolde eine Schaufensterpuppe gestellt. Sie ist ausstaffiert wie ein Auslaufmodell der Spaßgeneration, die alberne Basketballkappe schräg über das linke Ohr gezogen.

Manchmal, wenn er an diesem Nachmittag Gedankengängen folgt, Gesprächsfäden spinnt oder auf eine Frage hört, richtet Paul Nolte rasch den Blick auf die Puppe – und findet die Antwort.

Vielleicht ist es ja so, dass er einen optischen Widerpart braucht, einen visuellen Gegenentwurf zu der ernsthaften Wucht seiner Thesen, die von Verantwortung handeln, von Werten, Tradition, Familie, Bürgerlichkeit, Konservatismus, Religion und Reform.

In seinen Schriften ist es das Rumpelstilzchen, an dem er sich reibt, und dessen Illusion, aus Stroh Gold zu spinnen. Hier und heute, in der Universitätskantine, könnte die Schaufensterpuppe für seine Abrechnung mit der „Generation Golf“ herhalten, dem „Ich-will-Spaß“-Hedonismus einer neuen Klassengesellschaft, der er mit freundlicher Ernsthaftigkeit begegnet und mit der beneidenswerten Begabung, stets so gut wie druckreif formulieren zu können.

Das hat ihn zum willkommenen Gesprächspartner für Radio- und Fernsehmoderatoren gemacht. Fast rituell wird Nolte zu „O-Tönen“ ans Mikrofon gebeten, wann immer präsidiale Grundsatzreden oder ministeriale Armutsberichte zu befürchten sind.

Wenn es um soziales Mittelfeld geht, um kulturelles und ökonomisches Oben und Unten, dann muss Geschichtsprofessor Nolte ran. Dann gilt es, mal wieder mit der „fürsorglichen Vernachlässigung“ durch den Sozialstaat abzurechnen, der die Unterschichten mit Transferzahlungen ruhig stellt und sich ansonsten wenig darum kümmert, dass eine Klassengesellschaft neuen Typs entsteht.

Das elektronische Versenden via TV und Radio, das auf Moderatorenfragen sofortiges, einwandfreies und gleichzeitig knappes Antworten verlangt, sei ihm anfangs schwer gefallen, sagt Nolte. Er zieht der elektronischen Unmittelbarkeit das Schreiben vor, das mit Nachdenken einhergeht und mit Ringen und Feilen um Formulierungen, die zu seinen Denkgebäuden passen.

Wohl nur in einer solchen Umgebung können dann Gedanken keimen, die in Fragen münden wie: „Ist der Steuerstaat an seine Grenzen gekommen? Könnte die ,Gebührengesellschaft’ den Trend seiner Reform in Zukunft markieren?“

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