Perfektionistische Eltern: Höchstleistung schon im Kindergarten

Perfektionistische Eltern
Höchstleistung schon im Kindergarten

Chinesischkurse für Kleinkinder, persönliche Trainer für den studierende Sohn - manche Eltern geben alles, um ihr Kind groß rauszubringen und bleiben doch erfolglos. Der Journalist Klaus Werle hat die absurden Auswüchse der deutschen Perfektionierer scharfsinnig und amüsant aufgeschrieben.

DÜSSELDORF. Wer dieses Buch liest, mag sich häufig ertappt fühlen und gelegentlich auch erleichtert. Klaus Werle spießt in "Die Perfektionierer" die absurden Auswüchse unseres von stetem Bemühen um Status und einen der besseren Plätze in der Gesellschaft geprägten Lebens auf - wer sich da nicht wiedererkennt, macht sich wohl selber etwas vor.

Im Kampf um bessere Jobs, attraktivere Körper, schlauere Kinder zahlen wir viel Geld für Privatschulen, den MBA einer Top-Universität, persönliche Trainer, optimieren die Partnersuche mit Hilfe des Internets und hoffen auf hochbegabte Kinder, die am besten schon im Kindergarten Chinesisch lernen. Das Deprimierende daran: Weil alle das Gleiche tun, hebt sich der Einzelne trotz aller Anstrengungen wieder nicht aus der Masse heraus.

Werle stellt das sinnlose Wettrennen ins Licht eines breiteren soziologischen Hintergrunds. Aus Furcht, in einer dünner werdenden Mittelschicht durch den Rost zu fallen, beginnt der Kampf um das perfekte Leben schon beinahe vor der Geburt. Erziehung fängt im Mutterleib an, spätestens aber im Babyalter, mit Frühpädagogik. Ein rasant wachsender Markt. Das US-Unternehmen Fastrackids etwa, das auch in Berlin eine Dependance gestartet hat, bietet Mathematik, Sprachen und Gesellschaftskunde im Lehrplan - für Vorschulkinder.

Erziehung als Abschottungsstrategie nach unten und das Vehikel für den Aufstieg nach oben. Der wachsende Individualismus und die neue Durchlässigkeit der Gesellschaft machen uns zu Unternehmern mit dem Projekt des Aufstiegs, so die Argumentationskette. Bis ins Rentenalter sind wir für unser Glück selbst verantwortlich - und sollten bis dahin auch gut selbst vorgesorgt haben. So werden wir am Ende zu Getriebenen von Arbeitgebern, einer raffinierten Konsumgüterindustrie, zahlloser Ratgeber und einer rasch wachsenden Coaching-Branche. Die Argumentation klingt logisch und ermuntert, gelegentlich auch mal aus dem Rennen auszuscheiden.

Dem Journalisten Werle ist eine amüsante, anregende und nachdenklich stimmende Gesellschaftskritik gelungen, die in der Auswahl der Beispiele und der zahlreichen Quellen aus Soziologie und Psychologie den professionellen Rechercheur und Schreiber erkennen lässt. Eine kurzweilige Lektüre. So perfekt muss es ja gar nicht sein, will der Autor sagen, die größten Erfolge seien schließlich meist über krumme Wege und eine Kette von Fehlschlägen entstanden.

Das Buch ist eigentlich eine Aufforderung zur Selbstbestimmung, gegen den Optimierungswahn, wie es im Untertitel heißt. Hier allerdings lässt Werle den Leser allein. Nach seiner scharfsinnigen Kritik bleibt der Wunsch nach der offensichtlich dringend notwendigen Orientierung offen. Ein bisschen Paradiesvogel darf man wohl sein - aber nur so viel, um es wirklich nach oben zu schaffen?

Zurücklehnen, ein bisschen lässiger, loslassen können, rät der Autor. Das dürfte nicht ganz reichen. Wie Getriebene wieder zum selbstbestimmten Leben finden, ihre eigene Melodie entdecken - dafür bedarf es wohl eines weiteren Buches.

Klaus Werle: Die Perfektionierer
Campus, Frankfurt 2010, 256 Seiten, 19,90 Euro

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