Pernod-Ricard-Chef kündigt seinen Rückzug an
Der Mann gegen den Durst ist noch hungrig

Pernod Ricard steht vor einer neuen Ära. In fünf Jahren will Patrick Ricard, Chef und Teileigentümer einer der größten Spirituosenhersteller der Welt, in den Ruhestand treten. Da der 68-Jährige keinen Erben hat, wird Pernod Ricard damit nicht mehr von einem Mitglied der Familie Ricard geführt werden.

PARIS. Der Noch-Chef sieht es sportlich: „Es gibt exzellente Mitarbeiter in unserer Firma, und ich will niemanden demotivieren: Möge der Beste gewinnen“, spornt Ricard seine potenziellen Nachfolger an. Favoriten sind die Generaldirektoren Richard Burrows und Pierre Pringuet.

Ricards Abschied bedeutet auch deshalb eine Zäsur, weil er eine Änderung der Gesellschaftsstruktur nach sich ziehen wird. Wenn Ricard in den Ruhestand tritt und die Firma verlässt, müsste er auf seine 19 Prozent Konzernanteile nach französischem Recht Vermögensteuer entrichten oder ins Ausland ziehen.

„Ich habe aber überhaupt keine Lust, außerhalb von Frankreich zu leben“, sagt Ricard. Deshalb wird er wohl einen Aufsichtsrat einführen und dort den Chefposten übernehmen. Damit kann er dem Steuerrecht ein Hunderte von Millionen schweres Schnippchen schlagen. Der Börsenwert von Pernod Ricard beträgt 6,4 Milliarden Euro. Seit März hat die Aktie um fast ein Drittel zugelegt, seit Juli notiert sie im Pariser Leitindex CAC 40.

Groß wurde Pernod Ricard mit dem Anisschnaps Pastis, den Ricards Vater und Firmengründer Paul in den dreißiger Jahren mit cleveren Werbegags von Marseille aus auf die Bistrotheken in ganz Frankreich brachte. Als in den Fünfzigern Benzin knapp war, schickte Ricard eine Dromedar-Karawane durchs Land, um Kneipen zu beliefern – die „Karawane des Dursts“. Als Ricard 1974 mit dem Erzkonkurrenten Pernod verschmolz, wurde aus dem Mittelständler ein Konzern.

Patrick Ricard, der 1978 die Leitung der Gruppe übernahm, machte Pernod Ricard zur Nummer drei im Spirituosen-Weltmarkt. 2001 kaufte er für 3,2 Milliarden Dollar 40 Prozent des Getränkegeschäfts der Seagram-Gruppe, weil die Kanadier ihr Medienimperium mit angeschlossener Trinkhalle an Jean-Marie Messiers Vivendi Universal verkauften. Mit hochprozentigen Marken wie Chivas Regal, Havana Club, Martell und Ramazzotti löscht Pernod Ricard nun weltweit den Durst.

Bevor er den Aperitif seines Vaters in der Ruhe des Ruhestands genießen will, hat Ricard jedoch noch einige Pläne. „Uns fehlen noch ein Wodka, ein Tequila und ein Rum“, findet er, denn in diesen Bereichen wachsen die Umsätze im Spirituosengeschäft derzeit am schnellsten. Auch in den USA will sich Ricard noch verstärken. Dort ist der Konzern trotz Marken wie des Whiskys Wild Turkey nur die Nummer sieben. Wenn Mitte 2004 die Schulden aus dem Seagram-Kauf auf 40 Prozent des Eigenkapitals gesunken sind, fühlt sich Ricard wieder stark genug für Übernahmen: „Wir werden jede Chance nutzen“, kündigt er selbstbewusst an. Der Mann gegen den Durst ist immer noch hungrig.

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