Personenschutz ist stets eine Belastung
Muskelmänner sind zweite Wahl

Sicherheitstrainings und neue Überwachungskonzepte sind effektiver als Leibwächter.

Wenn der US-Präsident George W. Bush zu Besuch kommt, können die Gastgeber ihre Mobiltelefone getrost ausschalten. Sie haben ohnehin keinen Empfang, denn die Spezialisten, die für Bushs Sicherheit verantwortlich sind, unterbinden routinemäßig mit Störsendern den Netzbetrieb. Das soll verhindern, dass jemand mit Hilfe eines Handy-Signals eine versteckte Bombe zündet.

Ganz so umfangreich sind die Sicherheitsmaßnahmen nicht, die Deutschlands Top-Entscheider vor Angriffen und Entführungen schützen. Ähnlich wie die Bewacher des US-Präsidenten setzen aber auch hierzulande Sicherheitsexperten immer mehr auf vorrausschauende Konzepte und Maßnahmen.

„Das Stichwort lautet ‚Intelligenter Personenschutz'“, sagt Björn-Michael Birr. Der ehemalige Polizist leitet seit 1993 das Sicherheitsberatungsunternehmen BSM Consult in Lübeck, das unter anderem für den Axel Springer Verlag arbeitet und Mitglieder des Personenschutzkommandos bei Siemens ausbildet. Statt einen potenziell gefährdeten Manager rund um die Uhr mannstark zu bewachen, geht es darum, nur genau dann präsent zu sein, wenn eine Situation brenzlig werden könnte. „Wenn jemand nur in Deutschland bekannt ist, ist es beispielsweise oft nicht nötig, wenn die Leibwächter in den Urlaub nach Florida mitfliegen“, sagt Birr.

Ein Anblick wie der von Friedrich Karl Flick, der grundsätzlich von vier breitschulterigen Leibwächtern umgeben war, ist heute in der Wirtschaft selten geworden. Intelligenter Schutz ist angesagt, die Muskelmänner mit den Spiegelbrillen sind out: Bodyguards zu haben ist nicht unbedingt ein Vergnügen. Damit der Bewacher wirklich ein Mehr an Sicherheit bringt, muss die Begleitung permanent sein - zur Not von der Arbeit über die Disco bis ans Bett. Was Kevin Costner mit seiner Schutzbefohlenen Whitney Houston im Film „Bodyguard“ vorexerzierte, war dort cineastisch übersteigert, aber nicht ohne realen Hintergrund.

„Personenschutz ist für den, der ihn braucht, eine immense, dauerhafte Belastung“, weiß Robin Socha, Operations Manager beim Sicherheitsberatungsunternehmen Control Risks Deutschland GmbH, das für 16 der Dax 30-Firmen arbeitet. „Sie können dem nicht sagen, er soll verschwinden, wenn Sie keine Lust mehr haben. Personenschutz ergibt nur Sinn, wenn der Entscheider ihn zu 100 Prozent akzeptiert.“

Doch gerade an dieser Einsicht hapert es häufig. „Viele wollen es nicht akzeptieren oder nicht wahrhaben, dass sie gefährdet sind“, bemerkt Björn-Michael Birr. Die Folge ist eine Art Harun-al-Rashid-Syndrom: Dieser Kalif aus Tausend- und-einer-Nacht stahl sich immer wieder aus seinem Palast, um sich unerkannt unters Volk zu mischen. Nach seinem Vorbild versuchen viele Bewachte immer wieder, sich der Präsenz der Bewacher zu entziehen - und bringen sich so in Gefahr.

Weniger direkter Personenschutz, mehr Eigenverantwortung - so versuchen Sicherheitsunternehmen heute dieses Problem in den Griff zu bekommen. Damit flexiblere Sicherheitskonzepte greifen, müssen aber die zu Schützenden ausgebildet werden. Sicherheitstrainings, wie sie BCS, Control Risks und andere Unternehmen aus der Branche anbieten, schaffen diese Sensibilität und versetzen Entscheider in die Lage, in brenzligen Situationen richtig zu reagieren.

Am Anfang eines solchen Trainings steht eine Schwachstellenanalyse: Das Wohnhaus, der Arbeitsplatz und die Strecke dazwischen. Der einfachste Schritt zu mehr Sicherheit ist, riskante Verhaltensweisen zu erkennen und zu ändern.

Björn-Michael Birr betreut etwa ein junges Unternehmen. „Die beiden Vorstände - ein extrovertierter Macher und ein Ruhiger für die Zahlen - fuhren häufig zusammen in einem Auto zu Terminen“, erklärt Birr. „,Was machen Sie, wenn die verunglücken', fragte ich mal den Marketingchef. Und er sagte nur ‚Zumachen.'" Die getrennte Anreise minimiert heute das Risiko für das Unternehmen, wegen eines Verkehrsunfalls völlig führungslos zu werden.

Auch das Auftreten gegenüber Unbekannten und Dialoge trainieren die Ausbilder mit den Managern. Zudem lernen sie, Anfahrtsrouten zum Arbeitsplatz und Abfahrtszeiten zu variieren, um es möglichen Entführern schwerer zu machen. Auch Familienangehörige und Angestellte - Putzfrauen, Kindermädchen, Gärtner - werden trainiert. Sie sollen ihre Aufmerksamkeit schärfen und auf Ungewöhnliches im Alltag achten.

„Wenn jemand anruft und sofort wieder auflegt, hat das für potenziell Gefährdete eine andere Bedeutung als für Lieschen Müller“, sagt Sicherheitstrainer Walfried Sauer, Gründer der Result Group aus Grünewald bei München. Als sogenannte sicherheitsrelevante Vorkommnisse sollen Familienangehörige und Angestellte auch Unbekannte melden, die das Wohnhaus fotografieren oder PKWs, die vor der Schule der Kinder warten. „Jedes einzelne Ereignis ist scheinbar unbedeutend. Aber dadurch, dass wir alle Informationen zentral zusammen führen, merken wir, wenn was im Busch ist“, erklärt er. „Idealerweise kann man so die Leute schon auffliegen lassen, wenn sie noch bei der Planung sind.“

Auch Fahrstunden der besonderen Art stehen unter Umständen auf dem Lehrplan. Bei solchen Fahrstunden lernen die Entscheider, das Auto als Werkzeug zur Gefahrenabwehr zu nutzen und durch Fahrzeugbeherrschung Hinterhalte oder Anschläge zu umgehen. Entsprechend robust geht es bei den Fahrstunden zu, die Walfried Sauer auf einem stillgelegten Flugplatz anbietet: Dort lernen Top-Entscheider unter anderem, wie sie mit ihrem Wagen eine Sperre aus quergestellten PKW durchbrechen können.

Derartige Trainings - die Autocrash-Kurse ausgenommen - sind in vielen Dax-30- mittlerweile selbstverständlich. Fast alle haben spätestens nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 international tätige Sicherheitsabteilungen ins Leben gerufen. Doch auch die externen Berater machen gute Geschäfte. Das Geschäft boomt, „wir sind über beide Ohren ausgelastet“, sagt Walfried Sauer. Er hat sich nach dem 11. September selbstständig gemacht. Der ehemalige SEK-Mann spezialisiert sich darauf, gefährdete Personen vor Entführungen zu schützen.

Sauer wie auch andere Experten warnen: Weiterhin nach dem Motto ‚Viel hilft viel’ zu arbeiten, ist nicht nur teuer, sondern kann sogar kontraproduktiv sein. „Wer als einziger in einem gepanzerten Fahrzeug gefahren wird, gefährdet sich selbst, weil er dadurch erst Aufmerksamkeit weckt“, warnt Control Risks-Experte Robin Socha. Es komme darauf an, genau die richtige Balance zwischen zu wenig und zu viel Sicherheitsaufwand zu finden.

Aus diesem Grund haben reine Muskelmannvermittlungen mittlerweile kaum noch eine Chance gegen Mitbewerber wie Control Risks, die als Consulting-Unternehmen aufgestellt sind. Zu ihren interdisziplinären Expertenteams gehören heute ehemalige Polizisten und andere Sicherheitsbeamte, aber auch Psychologen, Finanz- und Public-Relations- Experten. „Sicherheit muss ganzheitlich konzipiert werden“, erklärt Socha. „Sonst wird immer jemand irgend eine Lücke finden.“

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