Peter Krcmar
Allein unter Pharma-Riesen

Ab heute gelten die neuen AOK-Rabattverträge für Arzneimittel. Ob Kunden davon profitieren, muss man abwarten. Aber Peter Krcmar hat gehört zu den Gewinnern: Denn nun kommt seine kleine Pharmafirma KSK mit der AOK groß ins Geschäft. Die Branchenführer sind verärgert.

FRANKFURT. Der David der deutschen Generikabranche hat seinen Firmensitz mitten in der Provinz. In einem Wohngebiet des beschaulichen Örtchens Berghausen bei Karlsruhe. Dass das dreistöckige Haus im Finkenweg eine Pharmafirma beherbergt, darauf deutet nur der Dreirad-Lastwagen von Piaggio mit Werbung für ein Heuschnupfenmittel hin, der vor der Tür parkt.

„Einen Moment noch“, sagt Peter Krcmar. Der große Graublonde in gestreiftem Hemd und Jeans sitzt in seinem Büro im ersten Stock vor dem Computer und gleicht noch ein paar Daten ab. Der Mann mit der sportlichen Figur ist gut gelaunt.

Kein Wunder: Dem 51-jährigen Diplom-Biologen ist ein Coup gelungen. Ab sofort versorgt er Millionen AOK-Versicherte mit dem Magenmittel Omeprazol. Seine Firma KSK AG hat die Ausschreibung für diesen Wirkstoff bei der Rabattrunde der Allgemeinen Ortskrankenkassen gewonnen, die nächste Woche startet.

Die Sensation: KSK gilt mit acht Millionen Euro Umsatz als Zwerg im Lande der Nachahmermedikamente, das Goliaths wie Hexal, Ratiopharm und Stada beherrschen. Und Omeprazol ist mit einem Umsatzvolumen von zuletzt rund 120 Millionen Euro zu Herstellerabgabepreisen der größte Wirkstoff der Ausschreibung. Für die AOK ist die Firma aus Berghausen der Beweis, dass ihre viel kritisierte, milliardenschwere Rabattausschreibung auch kleinen und mittelständischen Firmen eine Chance gibt.

Die Pharmakonkurrenz dagegen spielt das Thema herunter:„KSK? Lassen Sie uns doch lieber über die relevanten 99,9 Prozent des Marktes sprechen“, sagt der Chef eines namhaften Generika-Unternehmens auf die Frage nach dem Newcomer in der Rabattliga etwas säuerlich. So richtig ernst nehmen wollen die Großen die neue Konkurrenz nach außen hin nicht. Aber zahlreiche Klagen gegen den Zuschlag für KSK sprechen eine andere Sprache. „Wir sind der Furz am Pharmahimmel“, kokettiert KSK-Chef Krcmar und lacht.

Ernst wird er allerdings sofort, wenn es darum geht, ob KSK auch liefern kann. Das wird nämlich von der Konkurrenz und von Apothekern bezweifelt. Weil der Branchenwinzling Biomo nach der AOK-Rabattausschreibung 2007 Lieferschwierigkeiten hatte, muss sich nun auch KSK immer wieder die Frage nach der Lieferfähigkeit gefallen lassen. Gestern meldete der Branchendienst Apotheke Adhoc, KSK sei bei bestimmten Omeprazol-Packungen nicht mehr lieferfähig. Das betreffe nur Packungsgrößen, entgegnete KSK, die nicht Bestandteil des AOK-Vertrags seien.

Für die AOK-Patienten liegen im Distributionscenter in Erbach bei Ulm 500 000 Packungen oder rund 27 Millionen Tabletten Omeprazol bereit – mehr als ein Monatsbedarf, sagt Schnellsprecher Krcmar. Produziert vom spanischen Zulieferer Belmac, Tochter des weltgrößten Generika-Herstellers Teva. Zu Belmac war KSK nach den Lieferengpässen von Biomo gewechselt. Vorher hatten beide Firmen denselben Zulieferer in Spanien. KSK würde bei Lieferproblemen seine Existenz riskieren, weiß Krcmar. „Die Vertragsstrafen der AOK sind so, dass ein kleines Unternehmen sie nicht aushalten kann“, sagt er.

Krcmar ist selbst in der Generika-Branche erst durch die AOK-Ausschreibung bekannt geworden. Aber in der Region Karlsruhe/Ettlingen hat der in den USA geborene Deutsche mit österreichisch-tschechischen Wurzeln einen Namen – allerdings auf einem anderen Gebiet:

Als Trainer und Vorsitzender des Stepptanzvereins Fun Tappers in Karlruhe beispielsweise, der große Benefiz-Galas für das örtliche Hospiz Arista veranstaltet. Und als Bundesvorsitzender der Partei „Die Gesundheits-Union“, die im Mai 2008 aus der Taufe gehoben wurde, über die Gründungsversammlung aber nie hinauskam.

Kein Problem für Krcmar. Wer versucht, kann eben auch irren. Ein Traumtänzer ist er jedenfalls nicht. „Peter Krcmar ist höchst dynamisch, bodenständig und sehr sozial engagiert“, sagt Michael Hofheinz vom Verbund Karlsruher Apotheker. „Und er ist einer der profundesten Kenner des Generika-Geschäfts.“

Die Firma KSK Pharma hat Krcmar vor 14 Jahren gegründet, mit 200 000 Euro Startgeld von Eltern und Freunden und einer Zulassung für den Blutdrucksenker Captopril. Weil er wissen wollte, ob er eine Firma aufbauen kann, sagt der Ex-Pharmaberater. Mittlerweile hat der Biologe 45 Wirkstoffzulassungen erworben. Und KSK mit nunmehr 450 institutionellen und privaten Aktionären ist 2008 zweistellig auf einen Umsatz von 8,1 Millionen Euro gewachsen.

Die bisherigen 120 Millionen Euro Herstellerumsatz, für die Omeprazol zuletzt bei der AOK stand, wird KSK pro Jahr jedoch nicht erreichen: Schließlich haben die Hersteller im Schnitt zwischen 50 und 60 Prozent Nachlass gewährt, um ins Rennen zu kommen. Auch Krcmar hat knapp kalkuliert. Wie viel Rabatt er gewährt, sagt er nicht. Seine Prognose: Der Umsatz von KSK dürfte sich zwar vervielfachen, der Gewinn (2008 waren es knapp 280 000 Euro Jahresüberschuss) jedoch nur etwa verdoppeln.

Also bleibt Krcmar, der eine Leidenschaft für das Überlebenswunder Ginkgo-Baum hat, auf dem Teppich. Schließlich will er ja auch noch in ein paar Jahren zu den „Übriggebliebenen“ im Generika-Markt zählen. Personal stockt er vor allem im externen Call-Center auf. Den eigentlichen Pharmabetrieb KSK baut er nur von sieben auf acht Mitarbeiter aus.

Denn wenn Not am Mann ist, fährt Krcmar die Packungsmuster seiner Arzneimittel noch höchstpersönlich mit dem Piaggio-Dreirad zur Post.

Peter Krcmar

1958 Er wird in Glendale in den USA geboren, siedelt mit drei Jahren nach Deutschland um.

1985 Nach dem Biologiestudium an der Universität Tübingen startet Krcmar mit dem Diplom in der Tasche als Pharmaberater bei Intersan in Ettlingen.

1988 Nach einem Jahr als freier Handelsvertreter steigt er als Klinikreferent wieder bei Intersan ein, wird später Schulungsleiter und Produktmanager.

1995 Im November gründet er die KSK Pharma AG.

2008 Ende November erfährt KSK, dass die AOK der Firma den Zuschlag für den Wirkstoff Omeprazol geben will. Klagen von Herstellern, die leer ausgegangen sind, verzögern den Start der AOK-Rabattverträge, die zwei Jahre laufen.

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