Peters kontrolliert IGM-Zentrale
Die Macht, die Wirklichkeit und ihr Verdränger

Jürgen Peters hat verbissen gekämpft. Doch als der immer noch designierte IG-Metall-Vorsitzende nach fast dreizehn Stunden Vorstandssitzung vor die Kameras tritt, sieht man ihm die Strapazen nicht an. Und so ist auch nichts davon zu sehen, dass die große IG Metall in der tiefsten Krise ihrer Geschichte steckt. Auch durch ihn.

FRANKFURT. Sein Blick ist feurig wie immer, die Stimme klingt voll und hart nach Metall. Peters ist wie Schröder, sagen seine Freunde: Wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, dann ist er am besten. Mindestens zwanzig Mal ist er an diesem Tag von den Truppen seines Widersachers Klaus Zwickel zum Rücktritt aufgefordert worden, er hat sich immer wieder geweigert, gestützt von seinen Leuten. Es herrscht ein Patt in der IG Metall, die einst mächtigste Gewerkschaft der Welt ist wie gelähmt.

Der Vorstandssaal, in dem sich die Tragödie der IG Metall gemäß der Tagesordnung noch bis Freitag hinschleppen wird, erinnert an eine Betriebskantine gehobeneren Typs. Die Sitzung hat noch nicht begonnen, doch schon ahnt man, welch verheerenden Verlauf sie für ihre Protagonisten nehmen wird. Die meisten der 40 stimmberechtigten Vorstandsmitglieder starren stumm vor sich hin, solange die Fotografen noch knipsen dürfen. Manch einem Metaller ist die Verzweiflung anzusehen. „Das hat es so noch nicht gegeben“, sagt ein Vorstandsmitarbeiter am Katzentisch.

Am Kopf, unter dem seit Wochen nicht geputzten ovalen Fenster, vegetiert die Spitze der IG Metall vor sich hin, Peters und Zwickel regungslos. Zur Rechten des Vorsitzenden Bertin Eichler, seines Zeichens IG-Metall-Kassierer. Auch er hat Peters wiederholt aufgefordert, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Horst Schmitthenner vom geschäftsführenden Vorstand dagegen klopft Peters immer wieder auf die Schulter. Der Sozialpolitiker Schmitthenner gilt als einer, den man im Lager Zwickels der „orthodoxen Camarilla“ zuordnet. Für sie ist Peters, der bekennende Umverteiler, zur Galionsfigur geworden.

Ganz hinten, unter der Riege der mächtigen, aber im Vorstand nicht stimmberechtigten Bezirksleiter, hat Berthold Huber aus Baden-Württemberg Platz genommen, der traurige Held dieser traurigen Tage, links neben ihm sitzt sein Freund Werner Neugebauer aus München, der Prachtbayer mit dem Schnauzbart. Hier endet die reformorientierte Südschiene, dann beginnt schon das Peters-Lager, irgendwo durch diesen Saal läuft, unsichtbar und dennoch allgegenwärtig, der tiefe Riss in der IG Metall, an dessen Verbreiterung alle, zumindest in diesem Punkt solidarisch, arbeiten.

13 Stunden lang die Positionen ausgetauscht

„Die Fronten sind extrem verhärtet, wir haben 13 Stunden lang unsere Positionen ausgetauscht“, berichtet ein Teilnehmer aus der Sitzung vom Dienstag. Klaus Zwickel, der blass gewordene Vorsitzende, habe zwei Anläufe genommen, um Peters zum Rücktritt zu bewegen. Er hat dafür selbst seinen Rücktritt angeboten. Dann hat gar Berthold Huber, der designierte zweite Mann, seine Kandidatur zurückgezogen – alles vergeblich. Jürgen Peters habe erwidert, man versuche damit nur, eine gemeinsame Personalentscheidung im Nachhinein zu korrigieren.

Es kommt zu einem Abnutzungsgefecht, wieder einmal beweisen die Gewerkschafter, dass sie gelernt haben, Sitzfleisch zu zeigen. „Keiner hat sich bewegt“, berichtet ein leitender Funktionär hinterher. Das bedeutet, dass das Patt von 20 zu 20 Stimmen im Vorstand der IG Metall auch nach dem Konklave im Sitzungsaal Bestand hat. Vor allem den Vorsitzenden Zwickel hat es getroffen. „Es ging einfach nicht mehr“, sagt ein enger Vertrauter. Zwickel tritt in der Nacht selbst den Beweis an, dass die Kräfte am Ende sind. Sein Gesicht ist weiß wie der erste Frühlingsvollmond, als er sich in der Kantine des IG-Metall-Vorstands der Presse stellt. Er verhaspelt sich, die Stimme zittert.

Nichts hat er bewegt in diesen 13 Stunden. Der Vorstand zankt weiter, Peters ist immer noch im Spiel, nur sein Spielzeug, die IG Metall, hat gelitten. Und wenn Zwickel nun auf dem Gewerkschaftstag im Oktober abtritt, dann weiß er, welches Chaos mit seinem Namen verbunden sein wird. Sein Wunschkandidat Berthold Huber aus Baden-Württemberg erscheint nach der Sitzung wie abwesend, weit weg von der Macht. Er sagt kein kein Wort, als er durch die Kantine irrt.

Form von Peters besticht

Es gibt nicht wenige Leute in der IG Metall, die sehen in der Gewerkschaft noch immer die Vorhut zur Durchsetzung der Interessen der deutschen Arbeiterklasse. Gerade dieser Zielgruppe beweist Peters in den Stunden des Frankfurter Gewerkschafts-Konklave, welch ganzer Kerl er ist. Vor allen anderen ist er morgens kurz vor sieben in die Gewerkschaftszentrale gekommen, mehr gelaufen als gegangen, hat sich mit engsten Vertrauten beraten, ehe er sich ins Getümmel gestürzt hat. Der Marathon im Vorstandssaal ist ihm nicht anzusehen, frisch wie nach der Morgentoilette rückt er sich auch in der Nacht noch vor den Kameras auf seinem Platz zurecht, dann legt er los. Er lässt den Blick hineinzielen in die Augen des Gegenüber, schneidend klar sind die Sätze, immer schwingt die Botschaft mit, dass hier ein topfitter Kämpfer an der Arbeit ist.

Die Form besticht, allein was sagt der Inhalt? Peters Frankfurter Erklärungen sind in der Sache austauschbar, ob hinter verschlossenen Türen oder vor Mikrofonen, immer wieder betreibt der Gewerkschafter Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache: Dass er den Angreifern den Gefallen nicht tun werde, seine Kandidatur für den Vorsitz zurückzuziehen.

Es heißt von dem aus Schlesien stammenden Niedersachsen, er habe in seiner gewerkschaftlichen Modellkarriere oft genug taktisch flexibel reagiert. Und doch im Herzen ist der 59-Jährige der Kämpfer geblieben. In diesem Geist hat er in der Zentrale seine Macht ausgebaut, hat die Kader-Abteilungen der Tarif- und Betriebspolitik unter seine Kontrolle gebracht, hat Zugriff auf die Organisation und die Personalentwicklung.

Ein Thesenpapier zum Umgang mit dem Streikdebakel im Osten gibt Einblick in die Wagenburg-Mentalität, die mit Peters die Macht ergriffen hat: Der Juni-Streik im Osten sei „nicht ergebnislos“ gewesen und schon gar „kein Desaster“, schreibt der Peters zuarbeitende Gewerkschaftsfunktionär Peter Scherer. Vielmehr sei die These von der „historischen Niederlage“ der Gewerkschaft „von der bürgerlichen Presse in Umlauf gesetzt worden“, um auf Personalentscheidungen in der IG Metall einwirken zu können, behauptet der Historiker. Dann legt er sich mit der SPD an: „Spätestens seit der Regierungserklärung des Kanzlers vom 14. März rollte eine nach 1945 nicht da gewesene Welle antigewerkschaftlicher Hetze.“ Das sind auch die Gedanken, die den großen Verdränger Peters bewegen.

„Wie ein unterirdischer Pilz“, habe Peters seinen Einfluss in der Gewerkschaft entfaltet, berichtet ein Spitzenfunktionär. Klaus Zwickel aber habe mitangesehen, wie er selbst mehr und mehr an Macht verloren habe und ihm der Apparat entglitten sei.

Peters und Zwickel würdigen sich keines Blickes

Peters und Zwickel sind nun endgültig geschiedene Leute. Sie würdigen sich keines Blickes mehr, Zwickel wendet sich demonstrativ ab, wenn sein Vize in der Nähe ist, und Peters mit seinem Ulbricht-Bart starrt dann stramm vorwärts, als wolle er seine Linientreue auch optisch vermitteln. Nun müssen die beiden noch bis Freitag in dem trostlosen Sitzungssaal in Frankfurt-Niederrad zur Vorstandsklausur nebeneinander ausharren und manchmal sogar miteinander Mittag essen wie am Dienstag, als der Küchenchef Buletten und Schnitzel an Kartoffelsalat servierte. Dass in dieser Umgebung ein sinnvoller Vorschlag zur Lösung der Führungskrise herausspringt, glaubt kaum noch jemand.

Einige Funktionäre haben die Szene bereits verlassen, derweil die Peters-Fraktion das Debakel der Zwickel-Partei am Abend im Hotel „Arabella“ noch kräftig begossen haben, wie ein Peters-Gegner übel vermerkt. Jeder weiß, dass hinter dem Konflikt der beiden amtierenden Vorsitzenden natürlich mehr steckt als nur der Streit zweier älterer Herren, die einander nie besonders mochten, dann sich aber zu lange zu nahe waren. Die Frage, bist du für oder gegen Peters, ist jetzt zu einer Richtungsentscheidung geworden.

Das weiß auch Horst Teichmüller, Bezirksleiter Küste, nur sagt er es jetzt nicht nicht. Denn gestern hat er überraschend erklärt, unter Umständen als Kandidat für den Vorsitz zur Verfügung zu stehen. Zwickel und Peters, das sei eine Tragödie. „Dienstagnacht bin ich erst einmal joggen gegangen, ich konnte das nicht mehr mitansehen“, berichtet er. Die Bereitschaft zur Kandidatur hat er von Hamburg aus erklärt. Denn aus Frankfurt lässt sich die IG Metall nicht mehr retten.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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