Philippe Varin muss den Corus-Konzern trimmen
Sanfte Töne vom Stahlsanierer

Die Last des neuen Jobs ist ihm anzusehen. Philippe Varin, seit Mai Chef des britisch-niederländischen Stahlriesen Corus plc, weiß genau, dass die Vorlage der Halbjahreszahlen an diesem strahlenden Herbsttag in London kein Glanzauftritt wird. Eher wie ein Pfarrer vor seine Trauergemeinde tritt der 51-jährige Franzose vor die Presse.

HB LONDON. „Ich weiß, dass die Probleme nicht schnell gelöst werden können“, sagt er mit weichem französischen Klang in der Stimme. Gedeckter Anzug, dazu ein dunkler Schlips. Sanfte Töne statt harter Stahlbaron.

Und immer wieder ein sorgenvoller Blick hinter der runden Hornbrille. Als bitte er die lauernde Presse um Gnade bei der nächsten bohrenden Frage. Stellenabbau, Schließungen, Verkäufe? Sehr überlegt pariert der Corus-Chef jede Frage. Er schließt nichts aus, lässt alles offen.

Nur einmal werden seine Augen zu kleinen Sehschlitzen wie bei einem fauchenden Tiger. Ein Boulevard-Journalist fragt, wie es denn bei den Stahlkochern ankomme, dass er für seinen Job gut 1,5 Millionen Euro im ersten Jahr erhalte. Die Antwort ist knapp und scharf. Nein, ein Weichei ist Stahlchef Varin keineswegs.

Er hat immerhin sein ganzes Berufsleben mit Metallpressen, Walzen und Hochöfen verbracht. Er könnte auch einen strengen Lehrer oder peniblen Banker geben. Aber vielleicht ist dem Mann mit dem leicht grauen Haar in den vergangenen Monaten auch nur die französische Leichtigkeit etwas verloren gegangen.

Schließlich hat er im Mai den wohl schwersten Job seiner Karriere angetreten. Als Nachfolger des Briten Tony Pedder, der mit Verwaltungsratschef Brian Moffat durch die holländischen Partner im Konzern heftig in die Kritik geraten und zum Rücktritt gezwungen worden war, ist der „neutrale“ Franzose nicht nur Sanierer in der Krise, sondern auch Schlichter zwischen den Fronten. Eine schwierige Aufgabe, bei der aber seine moderierende Art von Vorteil sein kann. Die Börse setzt große Hoffnungen darauf. Am Tag, als sein Wechsel auf den „Feuerstuhl“ bei Corus bekannt wurde, stieg der Kurs der abgestürzten Aktie um satte 31 Prozent.

Fachlich ist Varin ebenfalls anerkannt. Der Absolvent der Ecole Polytéchnique in Paris hat 25 Jahre in der Branche gearbeitet, meist in Frankreich, zum Teil in Amerika. 1978 kam er zum Pechiney-Konzern, wo er zum Aluminium-Chef aufstieg. Dass Corus ihm im vergangenen Jahr die Alu-Sparte verkaufen wollte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Der Deal platzte am Widerstand der niederländischen Beschäftigten. Sie waren der Ansicht, dass profitable Alu-Geschäft sollte nur verkauft werden, um die defizitären britischen Standorte zu sanieren. Ende des Hausfriedens.

Darum spricht Varin bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Co-rus-Chef immer wieder vom „Kulturwechsel“ im Konzern. Er hat dem Unternehmen zunächst eine neue Struktur verpasst, um das Management internationaler zu machen. Und der Vater von vier Töchtern ist mit Familie an die Themse gezogen.

Drei Jahre hat er sich Zeit gegeben. Dann muss das marode Geschäft saniert, Corus weniger britisch und die Aluminium-Sparte verkauft sein. Corus sei „kein schneller Fall“, sagt der Franzose, und seine Stirn schlägt kleine Chanson- Falten. Der Aktienkurs fällt an diesem Tag um mehr als zehn Prozent.

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