Phoenix-Insolvenz
„Mein ganzes Geld ist doch weg!“

Die Pleite des Optionshändlers Phoenix hat viele Anleger um ihr Erspartes gebracht. Nun kommt es für einige der Betrogenen noch dicker: Sie sollen auch noch Steuern auf Scheingewinne zahlen. Die Frage ist nur: Von welchem Geld?

FRANKFURT. Michaela Serafin* versteht die Welt nicht mehr. Das Erbe der Großtante ist im Eimer, der Traum vom eigenen Haus geplatzt, das Konto leer - und jetzt auch noch das: Schulden für die Steuer. Fast 7 000 Euro Nachzahlungen fordert das Finanzamt von der Buchhalterin, plus knapp 2 000 Euro Geldbuße - für Gewinne, die es nicht gab, bei einer Geldanlage, die nichts weiter war als Betrug. So wie ihr geht es dieser Tage wohl Tausenden von betrogenen Anlegern des insolventen Optionshändlers Phoenix.

Rund 600 Mill. Euro hatten sie dem Unternehmen anvertraut, gelockt vom Versprechen auf zweistellige Renditen. Doch aus den Versprechen wurden Verluste, Scheingeschäfte und ein Schneeballsystem. Im März 2005 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Seitdem warten nicht nur die Serafins auf ihr Geld. "Ich fühle mich, als würde man auf jemandem rumtrampeln, der schon am Boden liegt", sagt die 30-Jährige aus dem Niedersächsischen. "Aber zahlen muss ich wohl, sonst bin ich vorbestraft und kann nicht mehr als Buchhalterin arbeiten", sagt sie und kauert sich noch enger in die schwarze Ledercouch im Wohnzimmer, als könnten die Polster sie schützen.

Seit zwölf Jahren wohnen sie und ihr Mann auf 60 Quadratmetern in einem schmucklosen Mehrfamilienhaus zur Miete. Geld war nie ein Thema, das Leben auskömmlich, der Urlaub gesichert. Dann starb die Großtante und plötzlich waren die Serafins reich - und leichte Beute für die Phoenix-Vermittler. "Die gingen bei uns im Geschäft ein und aus", sagt Serafins Mann Hanno, ein Autoverkäufer. Immer wieder sei der Vermittler vorbei gekommen und habe nicht nur ihn sondern auch zahlreiche Kollegen "belabert".

Mit Erfolg: Insgesamt 250 000 Mark vertrauten die Serafins Phoenix an. Rund 6 000 Euro haben sie bereits an Anwälte gezahlt, um wenigstens einen Teil des Geldes wieder zu bekommen. Dafür gingen die letzten Ersparnisse drauf.

"Ich weiß nicht, wovon ich jetzt auch noch das Finanzamt bezahlen soll", sagt Michaela Serafin. Seit Anfang Januar der Bescheid von der Steuerfahndung kam, hat sie kaum geschlafen, macht sich Sorgen, Streit gibt es im Hause Serafin jetzt öfter. Immer geht es ums Geld - um das was weg ist, um das was noch zu bezahlen ist, um das worauf sie seit drei Jahren warten. Verstehen kann sie das Vorgehen der Behörden nicht. "Wieso muss ich Steuern zahlen für nichts? Mein ganzes Geld ist doch weg", klagt sie.

Das sieht der Bundesfinanzhof anders. Der entschied bereits Ende 1997, dass auch Scheingewinne, Einkünfte sind und damit steuerpflichtig. Schließlich hätten sich die Anleger das Geld ja jedes Mal auszahlen lassen können, urteilten die Richter damals im Fall Ambros S.A. (siehe unten). Was anmutet wie eine Posse aus dem Skurilitätenkabinett der Steuergesetzgebung ist auch zehn Jahre später noch geltendes Recht - und Pech für die Phoenix-Opfer.

Angeschoben hat die Verfahren die Oberfinanzdirektion Frankfurt. Äußern will sie sich dazu nicht. Wie viele derartige Fälle sie derzeit insgesamt verfolgt bleibt ebenfalls ihr Geheimnis. Zahlenmaterial zu Betroffenen, die auf Scheingewinne Steuern zahlen müssten, gäbe es nicht, heißt es auf Anfrage. Verwunderlich. "Die Behörde hat sich bereits im Sommer eine Aufstellung aller Phoenix-Anleger weiterleiten lassen", sagt dagegen ein Insider - rein rechnerisch Daten von immerhin 30 000 Steuerzahlern. Eigentlich war die Datensammlung dazu gedacht, die Ansprüche der Opfer auszurechnen, jetzt dient sie der Steuerfahndung zur Jagd auf potentielle Steuerhinterzieher und Schwarzgeldsünder. Seit Jahresbeginn hat sie entsprechenden Daten über Phoenix-Anleger an die örtlichen Steuerfahnder und Finanzämter gegeben, berichten Insider. Allein in Teilen Niedersachsens sind es nach Angaben von Insidern mindestens 100.

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