Phonak-Mitgründer Andy Rihs
Pop-Ikone der Schwerhörigen

Der Skandal um Tour-Sieger Floyd Landis schadet Phonak, der Firma des Schweizers Andy Rihs. Er hat aus dem Hörgeräteladen um die Ecke ist die Nummer drei in der Welt gemacht. Unter dem Eindruck des Tour-Debakels ist nun für den Herbst ein Schwenk beim Sponsoring geplant.

Sein Ziel hat er erreicht. Den Weg dahin – den hat er sich anders vorgestellt: Andy Rihs ist Milliardär, Weinbauer, Rinderzüchter, Baulöwe – vor allem aber Mitbegründer und Aufsichtsratspräsident des Schweizer Hörgeräteherstellers Phonak. Er hat erreicht, dass Phonak in aller Munde ist. Die Marke ist bekannt wie ein bunter Hund – oder besser: Wie ein schwarzes Schaf, seit auch Phonak-Held und Tour-de-France-Sieger Floyd Landis unter Dopingverdacht steht. Hat Rihs zu hoch gepokert?

Der Mann ist vor allem eins, sagt der Moderator eines noblen Zürcher Wirtschaftsclubs, der ihn an diesem Abend zum Diskutieren und Essen eingeladen hat: „Ein lockerer Typ.“ Der Ansager hat Recht. Rihs erhebt seinen Pavarotti-Körper, springt überraschend behände ans Pult des Redners. Sein Mund strahlt aus dem von einem Vollbart umrahmten Gesicht. Der weiße Kranz mittellanger Haare verleiht dem 64-Jährigen eine Gott-Vater-Würde, die er sich selbst allerdings immer wieder nimmt. So trägt er auch hier an diesem Abend in feiner Gesellschaft keine Krawatte. Und er spricht wie immer auch nicht von Businessplänen und Managementmethoden, sondern vom Essen, vom „Ursuppe-Essen“. Er sagt: „Die Unternehmenskultur ist die Ursuppe des Erfolgs.“ Es folgt ein Kurs im Suppe-Auslöffeln, bei dem er darauf bedacht ist, die Aura eines Lebemannes zu behalten, der es sich leisten will, arbeiten zu müssen.

„Arbeiten war nie mein Ziel“, sagt der Mann, dessen Mitarbeiter die flache Hierarchie bei Phonak loben. Doch als er mit 25 Jahren aus Paris in die Schweiz zurückkehrt, habe ein Freund dieses Ziel „kaputtgemacht“. Es dürfte sich dabei um Beda Diethelm handeln, der 1965 in die Elektroakustik-Firma von Rihs’ Vater eintrat. „Er hatte eine klare Vision und nur vergessen, dass er kein Geld hatte“, sagt Rihs. „Da habe ich dann angefangen zu arbeiten, weil ich von seinen Ideen fasziniert war.“

Der Erfolg hört sich heute, gut 40 Jahre später, so an: Aus dem Hörgeräteladen um die Ecke ist die Nummer drei in der Welt geworden. Nur Siemens und die dänische William-Demant-Gruppe rangieren in der Hörgerätebranche noch vor Phonak, wobei der Abstand zwischen den Siegertreppchen eng ist: Die Deutschen kommen auf 23 Prozent Marktanteil, die Dänen auf 21 und die Schweizer auf 20 Prozent. Phonak wuchs im vergangenen Jahr mit 24 Prozent am schnellsten und könnte demnächst den Sprung auf Platz eins schaffen, denn mit GN Resound steht die Nummer vier der Branche zum Verkauf.

Wird das Phonak-Team kaufen? „Kein Kommentar“, sagt dazu am Freitag ein Sprecher, was zumindest darauf schließen lässt, dass die Schweizer nicht uninteressiert sind.

Phonak ist unter seinem von Siemens kommenden Chef Valentin Chapero Rueda und seinem Präsidenten zum Börsenliebling in der Schweiz geworden, was auch an den überzeugenden Argumenten des umgänglichen Herrn Rihs liegt: „Das Ohr“, sagt er, „ist der Zugang zur Seele.“ Bei vielen sei dieser Zugang nun mal verstopft, und die wenigsten ließen sich behandeln. Bis zu 40 Millionen Menschen litten an reparabler Schwerhörigkeit, aber nur acht Millionen haben ein Hörgerät. Die Wachstumschancen seien also enorm, folgert Rihs und verrät den möglichen Investoren unter den Zuhörern in verschwörerischem Ton ein Geheimnis, das den Umsatz noch glatt verdoppeln kann: „Und das Schönste ist, meine Damen und Herren: Die Menschen haben zwei Ohren.“

Wenn Rihs so etwas sagt, strahlt er wieder bis zu den Augen und macht sich zu einer Art Pop-Ikone der Schwerhörigen. Tatsächlich hat es Phonak mit seinen teilweise knallbunten Hörhilfen geschafft, dass Stigma einer Behinderung zu verdrängen und aus den künstlichen Lauschern ein modisches Accessoire zu machen. Swatch lässt grüßen; die Phonak-Geräte lassen sich unter anderem auch über eine modische Uhr am Handgelenk steuern.

„Wir wollen“, ruft Rihs diesmal so laut, dass es auch Schwerhörige in seinem Publikum verstehen, „dass Menschen mit Hörgerät besser hören als der Rest der Welt.“ Und dann fügt er hinzu, was inzwischen jeder weiß: „Um diese Botschaft in die Welt zu tragen, haben wir eben noch ein Radsportteam gemacht.“

Dass dieser Sport seine Tücken hat, ist auch Rihs nicht verborgen geblieben. Der jüngste ist nicht der erste Dopingsturm, den er aushält – und Landis ist nicht der erste Fahrer, zu dem er hält, bis das Gegenteil bewiesen ist. Neun Mal wurde ein Phonak-Fahrer bereits positiv getestet, was Deutschlands obersten Radfahrer Rudolf Scharping am Wochenende zu der Überlegung veranlasste, den Phonak-Stall ganz aus dem Radsport zu verbannen. Rihs tröstet sich derweil noch ganz pragmatisch mit der Marketingweisheit, dass es egal ist, wie man über eine Marke redet. Hauptsache: Es wird geredet.

Außerdem hat die Tour-de-France-Teilnahme für ihn, der sozusagen nebenberuflich auch die Fahrradfabrik BMC betreibt, hübsche Folgen: Als vermögender Radsportfan hat er zehn Millionen Euro aus der eigenen Tasche in diese Firma gesteckt. Durch die Tour ist sie unter Profis inzwischen so bekannt, dass sie ihren Umsatz jährlich um etwa die Hälfte steigert. Rund 17 Millionen Euro sollen es dieses Jahr werden. Rihs will auch mit BMC an die Börse.

Dennoch kann der Schöpfer nicht darüber hinwegsehen, dass seine Geschöpfe langsam aber sicher nicht mehr so radeln, wie es ihm gefällt. Phonak hat nicht zuletzt deswegen bereits im Frühjahr angekündigt, sich als Hauptsponsor eines Tour-de-France-Teams zurückzuziehen, und hat die Ausgaben für die Tour aus der Firmenkasse in diesem Jahr auf 2,3 Mill. Euro knapp halbiert. Schließlich, so lautet die Einsicht am schönen Hauptsitz der Firma unweit des Zürichsees, haben die Radrenner – gedopt oder sauber – eigentlich nichts mit dem Produkt zu tun, um das es bei Phonak geht.

Unter dem Eindruck des Tour-Debakels ist nun für den Herbst ein Schwenk beim Sponsoring geplant: Von der Tour zur Kultur. Phonak will sich dort engagieren, wo es ums Hören geht. Bei Musik zum Beispiel. Rihs soll auch Opernliebhaber sein.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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