Pichlers Ruf hat gelitten, doch von Resignation keine Spur
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

Der hundertfache Protest vor dem Condor-Gelände ist laut und schrill, die Stimmung giftig: Auf Plakaten demonstrierender Piloten kleben böse Worte, eine „sinnlose Arbeitsplatzvernichtung“ wird angeprangert. Zielscheibe des ungewöhnlichen Protests: Stefan Pichler, Chef des Tourismuskonzerns Thomas Cook AG.

DÜSSELDORF. Der 45-jährige Ex-Leichtathlet ist einst angetreten mit der Vision, am Standort Oberursel Europas größtes Touristikunternehmen zu schaffen. Und jetzt das: rote Zahlen, wohin das Auge blickt. Herbe Umsatzeinbrüche bei Neckermann & Co., Arbeitsplatzabbau, Pilotenprotest. Pichler geht das an die Nieren. Der „Welt am Sonntag“ gestand er kürzlich, er sei „grundsätzlich keiner, der mal eben so einen Stellenabbau oder Entlassungen zur Kenntnis nimmt.“ Doch an harten Einschnitten führt kein Weg mehr vorbei: In den kommenden drei Jahren sollen allein in Deutschland 1 200 der 5 500 Jobs abgebaut werden.

Das schafft Wut bei der Belegschaft – vor allem bei Condor-Piloten, die bisher noch von der Bindung an den Lufthansa-Konzerntarifvertrag profitieren. Sie wittern eine Politik des Vorstands, Arbeitsplätze bewusst aus dem Konzern zu eliminieren. Dabei gibt es auch versöhnliche Töne aus der Belegschaft. Man solle Pichler „jetzt nicht als Beelzebub verdammen“, rät Condor-Betriebsrat Uwe Strohschön: „Wenn wir uns nur in der Vergangenheit aufhalten, verlieren wir den Blick nach vorn.“ Dass Thomas Cook „viel zu optimistisch geplant hat“, wie ein anderer Betriebsrat moniert, muss sich der Vorstandschef gleichwohl ankreiden lassen.

Pichlers Ruf hat gelitten, doch von Resignation keine Spur. „Er kämpft fast rund um die Uhr – zur Not bis spät in die Nacht“, berichtet ein Vertrauter. „Fünf Stunden Schlaf reichen mir“, hat er einst dem „Manager Magazin“ erzählt. Wie zum Dank wurde er prompt mit dem Ruf beglückt, „Deutschlands ehrgeizigster Manager“ zu sein. Sein wenig entspannter Stakkato-Stil, mit dem er Gesprächspartner bisweilen überfällt, passt in der Tat zum Tempo seiner Karriere: Obwohl er erst mit 32 Jahren vom Studieren kam, nahm er die Karrierestufen bei der Lufthansa im Eilschritt: Mit 39 zog er bereits in den Vorstand ein. Dann ließ er sich abkommandieren zu C&N, der gemeinsamen Reisetochter von Lufthansa und Karstadt Quelle. Es war das Jahr 2000 – eine Boomzeit, in der es Geld fast auf Zuruf gab. Also ging der ambitionierte Vertriebsmann europaweit auf Einkaufstour – die Nummer eins fest im Blick, genau wie früher als Sportprofi. Für einen Marathon brauchte der Hochleistungssportler Pichler kaum länger als zwei Stunden, 1982 stand über die 25-Kilometer-Distanz Platz fünf in der Weltrangliste zu Buche. Für Platz eins hat es nicht gereicht.

Auch im Tourismus gerät das Siegertreppchen nun außer Reichweite: Pichler muss sich in einer Branche bewähren, die sich nach Jahren des Wachstums vom Verkäufer- zum Käufermarkt gewandelt hat. Die Kunden bestimmen plötzlich die Gesetze des Marktes und nicht mehr die Manager. Pichler versucht es mit harten Kostenschnitten und einer Markenstrategie, mit der er sich beim deutschen Personal keine Freunde macht. Er opferte bekannte deutsche Reisemarken wie Kreutzer und versucht seitdem, den Konzernnamen Thomas Cook als Premium-Marke durchzusetzen – bisher mit wenig Erfolg. Insidern zufolge liegen die Buchungen weit unter den Erwartungen des Managements. Umstritten ist auch der Wegfall des Markennamens Condor. Die beliebte deutsche Ferien-Airline fliegt jetzt unter dem etwas sperrigen Namen Thomas Cook Airlines – allein die dünne Unterzeile „powered by Condor“ erinnert noch an frühere, erfolgreichere Urlaubstage.

Christian Obst, Analyst der HypoVereinsbank, rät gleichwohl, den Blick über den deutschen Gartenzaun zu richten: „Im englischsprachigen Raum und darüber hinaus ist Thomas Cook ein Begriff“, weiß er. Wenn Quellmärkte wie Deutschland und Großbritannien stagnieren oder gar schrumpfen, müssten große Reisekonzerne nach neuen Wachstumsmärkten Ausschau halten. Pichler schaut gen Osten: Potenzial sieht er in China und Indien.

Die deutschen Beschäftigten beruhigt das nicht. Aus ihrem Blickwinkel klingt Pichlers frisch ausgegebenes Ziel, nun die Kostenführerschaft unter den Reisekonzernen anzustreben, wie eine neue Drohung. In Lufthansa-Kreisen indes heißt es, Pichler bleibe keine andere Wahl. Der einstige Kronprinz des Luftfahrtkonzerns steht unter dem Druck der Investoren, Thomas Cook schnell wieder aus dem roten Bereich zu führen. Klappt die Wende nicht, drohen auch Pichlers Lufthansa-Förderer ihre Freundschaft aufzukündigen.

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