Piëch ist wieder einmal unterschätzt worden
Rückzug eines Machtmenschen

Er war bekannt für markige Worte, gefürchtet wegen seines strengen Führungsstils, geachtet für seinen Scharfsinn und Tatendrang. Gerne stand er ganz oben, gerne im Rampenlicht. Doch Ferdinand Piëch, bis vor einem guten Jahr Vorstandschef von Volkswagen und seitdem Aufsichtsratsvorsitzender des größten europäischen Automobilherstellers, ist abgetaucht.

DÜSSELDORF. All diejenigen, die bei einem Aufeinandertreffen mit ihm Blessuren davongetragen hatten und sich auf polternde Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinem Nachfolger Bernd Pischetsrieder gefreut hatten, hat er enttäuscht. Der VW-Macher Piëch ist nur noch selten in Wolfsburg anzutreffen. „Er hat sich ziemlich zurückgezogen“, sagt ein langjähriger Branchenkenner.

Auch große Auftritte meidet der ehemalige Volkswagen-Chef neuerdings. Interviews lehnt der 66-Jährige ab, gerade noch auf der jährlichen VW-Hauptversammlung zeigt er sich auf einer großen Bühne. Aber selbst wenn er öffentlich auftritt, wie kürzlich bei der Bekanntgabe der milliardenschweren Investitionen in China, tritt er ins zweite Glied. Dann überlässt er Pischetsrieder, den er bei der Übernahme von VW und BMW um Rolls Royce fürchten und schätzen gelernt hat, den Glanz. Obwohl der Grundstein für die Erfolge in China in der Piëch-Ära gelegt wurde.

Kaum jemand innerhalb der Automobilbranche hat ihm einen solchen Rückzug hinter die Kulissen zugetraut. Als Chef des Wolfsburger Autokonzerns gab es kaum einen Monat, indem er nicht einer Autozeitschrift oder einem Fachmagazin ein Interview gab – getrieben von einer großen Auto-Leidenschaft, fixiert auf komplizierte technische Lösungen. Niemand konnte sich nach seinem Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats so recht vorstellen, dass er sich so schnell, so lautlos und so weit zurückziehen würde.

„Erstaunlich“, sagt ein früherer Daimler-Chrysler-Vorstand, „er macht das jetzt sehr geschickt.“ „Geschickt“ – damit ist das Verhältnis zu seinem Nachfolger gemeint. Viele dachten, dass Piëch dem heutigen Konzernchef allzu häufig in das Tagesgeschäft hineinreden würde. Zu sehr war ihm in seinen aktiven Jahren der Ruf vorausgeeilt, als kühler und kompromissloser Machtmensch ausschließlich seinen eigenen Weg zu gehen. Doch das Verhältnis zu Pischetsrieder ist gut, der neue Chef hat genügend Freiräume. „Piëch ist im operativen Geschäft nicht spürbar“, bestätigt ein VW-Aufsichtsrat. Allenfalls im Hintergrund sei er präsent.

Auch Pischetsrieder selbst reagiert beim Thema Piëch gelassen. „Er kommt nur zur Aufsichtsratssitzung nach Wolfsburg, sonst ist er hier nicht anzutreffen“, sagt er über seinen Vorgänger. Ansonsten gebe es nur einen „gelegentlichen“ Austausch zwischen beiden. Aus seiner Sicht ist das Verhältnis zwischen ihm und Piëch „absolut professionell und unspektakulär“.

Piëch ist wieder einmal unterschätzt worden. Der intelligente Techniker hat vorausgesehen, dass er seinem Wunschkandidaten Pischetsrieder und auch seinem Lebenswerk, der VW-Markenfamilie mit Volkswagen, Audi, Skoda, Seat, Bentley, Bugatti und Lamborghini – fast gänzlich unter seiner Ägide zusammengekauft – durch Störfeuer mehr schaden als nützen würde. Der Manager kann tatsächlich für andere die Bühne frei machen – eine Eigenschaft, die so manch anderem Konzernlenker nach einem altersbedingten Abschied fehlt.

Genug zu tun hat Piëch allemal: Als Enkel des Porsche-Gründers verwaltet er bis heute ein Milliarden- Vermögen. Zudem hatte er bei seinem Abschied angekündigt, mit einer Weltumseglung zu beginnen. Wahrscheinlich ist er gerade wieder einmal irgendwo auf dem Globus auf einem Etappenabschnitt unterwegs.

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