Pierre Gadonneix führt den Stromriesen EdF an die Börse
Ein glücklicher Zufall

Seine dunklen Augen glänzen, als er den Werbefilm für den Börsengang seines Unternehmens sieht. Pierre Gadonneix hat es geschafft. Dabei war die Berufung des 62-Jährigen an die Spitze eines der größten Stromversorger Europas eigentlich Zufall.

HB PARIS. Der sportlich-drahtige Manager mit dem schütteren Haar tourte im Sommer vergangenen Jahres mit dem Fahrrad durch das südfranzösische Gebirge Massif des Maures, als es in der Spitze der französischen Regierung mächtig krachte.

Der damalige Premierminister Jean-Pierre Raffarin wollte um jeden Preis den EdF-Chef, François Roussely, absägen. Dieser hatte mit einer halsbrecherischen Einkaufspolitik den Konzern in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Schlimmer noch: Er verdankte sein Amt der sozialistischen Vorgängerregierung. Raffarin setzte alles daran, seinen Ex-Wirtschaftsminister Francis Mer an der EdF-Spitze zu installieren. Doch Staatschef Jacques Chirac hielt zunächst an Roussely fest. Schließlich wurde der Krach der Staatsmänner publik; um seinen Regierungschef nicht noch weiter zu beschädigen, stimmte Chirac der Neubesetzung der EdF-Spitze zu. Die Wahl fiel jedoch nicht auf Mer, sondern auf dessen Freund Pierre Gadonneix, der bis dato den staatlichen Gasversorger GdF leitete. „Ich war kein Kandidat für den Job, ich habe mich bei GdF wohlgefühlt“, sagte der Betroffene später zu dem Hickhack.

Nun steht der Chef des französischen Stromriesen EdF, allein im Dunkeln neben den Sitzreihen für Journalisten und blickt versonnen auf die Leinwand: lange Kamerafahrten über Atomkraftwerke bei Sonnenuntergang, freundliche EdF-Mitarbeiter, die bei einer Oma den Stromzähler ablesen.

Mit diesen Bildern stimmte der EdF-Chef vor gut 14 Tagen die Presse auf den größten Börsengang aller Zeiten in Frankreich ein. „Ein formidables Investment“, warb Gadonneix und strahlte in das Blitzlichtgewitter, wenn auch solche Medienauftritte nicht sein Ding sind. Das merkte man seinem Lächeln an, dass im Laufe der Pressekonferenz immer gequälter wirkte. Und bei Fragen zur hohen Verschuldung des Ex-Monopolisten nestelte er nervös an den Mikrofonen herum.

Aber heute steht Frankreichs stiller Strommanager vor dem wichtigsten Erfolg seiner Karriere – der Börseneinführung des staatlichen Stromriesen EdF, bei dem die Gewerkschaften so stark sind wie sonst nirgends: Der Betriebsrat erhält ein Prozent vom Umsatzbudget. Über vier Millionen Franzosen haben die Papiere gezeichnet und machen sie so zu einer Volksaktie. Am heutigen Freitag wird der Zuteilungspreis bekannt gegeben – das Volumen dürfte rund sieben Milliarden Euro erreichen. Am Montag wird die Aktie erstmals notiert.

„Für EdF hat sich die Wahl Gadonneix bisher als Glücksfall her-ausgestellt“, sagt ein Kenner des Konzerns. Nach dem draufgängeri-schen Stil von Roussely zog mit dem neuen Mann an der Spitze, den seine Freunde kurz „Gado“ nennen, eine neue Führungskultur ein: sehr vorsichtig, offen für die Mitarbeiter, pragmatisch. „Er arbeitet gern im Team und delegiert viel“, sagt ein enger Mitarbeiter. Mit Grausen bezieht der neue Konzernchef das Büro seines Vorgängers: einen Tanzsaal von knapp 100 Quadratmetern, den er mit neuen Möbeln und einem großen Besprechungstisch kleiner wirken lässt. Diese Bescheidenheit kommt bei den Mitarbeitern an, „auch wenn wir es ertragen müssen, dass er in seinem Büro Zigarre raucht“, erzählt einer von ihnen.

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