Pierre-Henri Gourgeon
Crash-Test für den Jagdflieger

Pierre-Henri Gourgeon hat sich seine ersten Monate an der Spitze von Air France sicher anders vorgestellt. Er muss seine erste große Bewährungsprobe bestehen.

PARIS. Anfang des Jahres strahlte Pierre-Henri Gourgeon noch. Heute zeigt sich der rundliche 63-Jährige eher mit grimmiger Miene in der Öffentlichkeit. Denn seitdem Gourgeon, lange die Nummer zwei der größten europäischen Fluggesellschaft Air France-KLM, die Geschäfte bei Air France übernommen hat, gibt es nur noch Negativschlagzeilen.

Der diskrete Vorstandschef steht vor seiner ersten echten Bewährungsprobe: Er muss die Fluggesellschaft durch die Krise führen und zusätzlich mit Imageproblemen nach dem Absturz eines Flugzeugs vor Brasilien kämpfen.

Klar, als Gourgeon die Fluglinie seinerzeit mitten in der Krise übernimmt, weiß er, dass schwere Zeiten auf ihn zukommen. Doch dass sie so hart werden würden, hat er wohl nicht gedacht. Kurz nach seinem Start landet er zunächst einen Erfolg. Er übernimmt 25 Prozent von Alitalia und sticht den Konkurrenten Lufthansa aus. Die französische Presse feiert ihn mit Schlagzeilen wie: „Er ist noch schlauer als Spinetta.“

Sein Vorgänger Jean-Cyril Spinetta hat sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen und fungiert nur noch im Hintergrund als Chef der französisch-niederländischen Holding. „Man muss sich rechtzeitig nach einem würdigen Ersatz umsehen“, sagt Spinetta und glaubt diesen in seinem engsten Vertrauten Gourgeon gefunden zu haben, seit 1998 die Nummer zwei bei Air France.

Jetzt muss der ausgebildete Jagdflieger Gourgeon bei seinem ersten „Crash-Test“ als Air-France-Chef seine Qualitäten beweisen. Denn die Krise macht dem Konzern schwer zu schaffen. „Wir sind mit voller Wucht getroffen“, sagte Gourgeon vor kurzem. Der Umsatz brach im gerade veröffentlichten ersten Quartal des Finanzjahres um 20,5 Prozent ein – und die nahe Zukunft verspricht keine Wende zum Besseren.

„Das Geschäftsjahr wird noch einmal sehr schwierig“, warnt Gourgeon. Besonders betroffen ist das Frachtgeschäft, und auch die beruflichen Vielflieger machen sich rar. Gourgeon hat die Flugverbindungen deshalb um fast fünf Prozent abgebaut und ein milliardenschweres Sparprogramm gestartet, das weniger Ausgaben für neue Flugzeuge vorsieht. Außerdem will er 3 000 von insgesamt 107 000 Arbeitsplätzen bis 2011 einsparen.

Als er Anfang Mai von einem weiteren schwierigen Geschäftsjahr sprach, wusste er noch nicht, was knapp zwei Wochen später auf die Fluggesellschaft zukommen sollte: das größte Unglück in ihrer Geschichte. Am 1. Juni stürzte ein Airbus A330 mit 228 Passagieren an Bord auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris im Atlantik ab. Bislang gibt es noch keine Erklärung für die Ursache des Absturzes. Nach ersten Ermittlungen soll die Maschine auf der Wasseroberfläche zerschellt sein. Die Blackboxes, die Aufschluss geben könnten, wurden noch nicht gefunden. „Dieses Drama wird bei uns tiefe Spuren hinterlassen“, sagte Gourgeon.

Seitdem verstummt die Kritik an Air France und Gourgeon nicht. „Hat Air France ihre Jets schlecht gewartet?“ fragte „Der Spiegel“. Gemäß den Wartungsmeldungen der Maschine haben die Geschwindigkeitsmesser nicht korrekt funktioniert. Air France soll schon länger gewusst haben, dass die Geschwindigkeitsmesser störanfällig sind, sie aber nicht ausgetauscht haben, berichteten Medien in aller Welt.

Die Familien der Absturzopfer reagierten empört und schrieben sogar direkt an Gourgeon: „Uns als Angehörige haben Sie bis heute völlig allein gelassen. Ihr Verhalten ist unmenschlich und zynisch.“ Die Airline unterlasse es, die Angehörigen über die eigentlichen Fakten und Ursachen der Katastrophe zu unterrichten. Der Konzernchef muss daher mit Schadensersatzklagen rechnen.

Das Image von Air France ist durch den Unfall beschädigt. Gourgeon kann in der derzeitigen Krise nur darauf hoffen, dass es ihm zumindest wieder gelingt, Air France auf Gewinnkurs zu bringen, damit er in Zukunft noch Geld hat zu investieren.

Medienberichte aus Österreich, wonach Air France-KLM weiterhin an einem Einstieg bei Austrian Airlines (AUA) interessiert sei, sollte der Deal mit Lufthansa wider Erwartungen nicht zustande kommen, hat Air France nicht bestätigt. Ohnehin ist offen, ob bei der momentanen Finanzlage dafür Spielraum wäre.

Doch Gourgeon sollte niemand unterschätzen. Er hat den Ruf eines geschickten Sanierers. Zusammen mit Spinetta modernisierte er Mitte der 90er-Jahre den ehemals reinen Staatskonzern, der heute noch zu fast 16 Prozent dem Staat gehört, und leitete 2004 die Übernahme von KLM ein.

Gourgeon, der in seinen grauen Anzügen sehr unscheinbar wirkt und sich unspektakulär beim Segeln entspannt, gilt in Konzernkreisen als kämpferisch. Diese Charaktereigenschaft kann der Absolvent der Pariser Eliteschule Ecole Polytechnique für Ingenieure gut gebrauchen. Denn er muss nicht nur Air France, sondern auch die angeschlagene Alitalia in die schwarzen Zahlen bringen.

Pierre-Henri Gourgeon

1946 Pierre-Henri Gourgeon wird am 28. April in Mâcon/Frankreich nördlich von Lyon geboren.

1971

Nach dem Ingenieurstudium bekleidet er Posten im Verteidigungsministerium und berät mehrere Premiers über militärische Angelegenheiten.

1990

Er wird Direktor der zivilen Luftfahrtbehörde DGAC.

1993 Gourgeon wechselt zu Air France und arbeitet in verschiedenen Führungspositionen, unter anderem als Berater des Konzernchefs.

1998 Er wird Vize bei Air France.

2009 Gourgeon steigt Anfang des Jahres zum Konzernchef des französischen Teils der französisch-niederländischen Fluggesellschaft Air France-KLM auf.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%