Pierre Mirabaud
Der Banquier aus Genf

Pierre Mirabaud, Chef der Schweizer Bankiervereinigung, ist niemand, dem es an Selbstbewusstsein mangelt. Der Genfer „Banquiers“, der sich von Bankiers durch die starke Betonung des „qu“-Laut abgrenzt hat es als überzeugter Liberaler in diesen Tagen schwer. Das hindert ihn jedoch nicht daran, gegen die Angriffe Peer Steinbrück zuzukeilen.

GENF. Wer? „Ach, Sie meinen den mit dem ...“, sagt ein Schweizer Banker und beendet den Satz nicht, sondern deutet mit Daumen und Zeigefinger seiner beiden Hände das Zwirbeln eines Schnauzbarts an. Ja, Pierre Mirabaud ist gemeint, Präsident der Schweizer Bankiervereinigung, äußerlich eine Erscheinung wie Filmdetektiv Hercule Poirot und auch im wirklichen Leben nicht einer, der an mangelndem Selbstbewusstsein leidet. Er ist kein Bankangestellter, sondern „Banquier“, wobei er zur Unterscheidung vom gewöhnlichen Bankier mit seinem stark französischen Akzent den „qu“-Laut besonders hervorhebt. Banquiers stammen meist aus Genf, gehen mindestens in dritter Generation ihrer Berufung nach und haften mit ihrem Vermögen. So einer ist Mirabaud.

Und bei so einem rangieren Werte wie Unabhängigkeit und Liberalismus ganz oben. Dass der Staat die Banken stützen muss, freut ihn gar nicht. Es zeige die Grenzen der Marktwirtschaft, sagt er und fokussiert sein Gegenüber durch eine Brille mit kreisrunden Gläsern. Dann kneift er die Augen etwas zusammen und legt bei diesem Abendessen in einem Restaurant am Frankfurter Römer eine Spur mehr Schärfe in seine Stimme: „Wir erwarten, dass die teilweise harsche Kritik an der Schweiz und an ihrem Rechtssystem aufhört.“ Sein Land sei dabei, die OECD-Forderungen in Sachen Steuersystem zu erfüllen und brauche keine „schulmeisterlichen Belehrungen“. „Die Demokratie der Schweiz mag vielleicht etwas langsamer sein, als es gewissen hanseatischen Schnellschwätzern lieb ist. Aber sie führt zum Ziel.“

Klatsch. Diese Ohrfeige gilt Peer Steinbrück. Der Finanzminister und bekennende Hamburger, der erst diese Woche beim Treffen der EU-Finanzminister in Luxemburg sein Vorgehen gegenüber Steueroasen bekräftigt hat, ist zum Lieblingsfeindbild der Eidgenossen aufgestiegen. Andere als Mirabaud würden beim Armbrustschießen vermutlich ein Konterfei Steinbrücks auf die Zielscheibe pappen. Für den Treffer auf die Nase gäbe es volle Punktzahl. Schuld sind Steinbrücks Vergleiche. Dass sie „Indianer“ seien, sitzt noch immer tief im Gemüt der Schweizer. In der Diskussion, die das Land seither führt, steht Mirabaud auf der Seite derjenigen, die mehr Selbstbewusstsein bei ihren Landsleuten einfordern und mit eigenem Beispiel voranschreiten. Die Klatsche an die Adresse Steinbrücks gehört zu dieser Art Vorbildhandlungen.

Natürlich fällt dabei einiges unter den Tisch. Das gilt für Steinbrück wie für Mirabaud. Der Präsident ist ein knallharter Lobbyist, wenn er treuherzig versichert, dass Steueroptimierung für Ausländer nie das Geschäftsmodell seiner Institute gewesen ist. Die von den USA erzwungene Herausgabe von Kundendaten der UBS zeigt genau das Gegenteil.

Und Mirabaud ist vielleicht nicht immer der erste, der es erfährt, wenn bei seinen Mitgliedern etwas schiefläuft. Das angedeutete Bartzwirbeln des Züricher Bankers könnte auch so zu interpretieren sein. Doch was schert es einen Banquier aus Genf, was Züricher Bankangestellte so denken.

Kurzbiographie

1949: wird Pierre Mirabaud geboren, geht im schweizerischen Zug zur Schule und beendet 1972 sein Studium in Genf.

1976: steigt er nach Stationen in Paris, New York und Chicago schließlich im heimatlichen Genf ins Bankhaus seiner Familie ein.

1979: wird er Partner bei der Privatbank Mirabaud & Cie und damit auch persönlich haftender Gesellschafter.

2003: wird er Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers, zu der neben den beiden Schweizer Großbanken die mehr als dreihundert kleineren Banken des Landes zählen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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