Pinger übernimmt übergangsweise das Ruder
Finanzexperte soll Karstadt auf Kurs bringen

Nach wochenlangen Spekulationen hat Christoph Achenbach nun den Vorstandsvorsitz beim angeschlagenen Handelskonzern Karstadt-Quelle aufgegeben. Der ausgewiesene Finanzexperte und Zahlenmensch Harald Pinger soll in den kommenden Monaten das Ruder übernehmen - den Cheftitel bekommt er jedoch nicht.

HB DÜSSELDORF. Der bereits vor dem Rücktritt von Konzernlenker Christoph Achenbach, einem Versandfachmann, als Übergangslösung ins Spiel gebrachte Pinger soll nur so lange die Vorstandsarbeit bei Karstadt ohne Cheftitel „koordinieren“, wie sich der Handelsriese in einer Mitteilung ausdrückte, bis ein neuer Vorstandsvorsitzender gefunden ist. Nach diesem sucht die Firma „international“.

Aus unternehmensnahen Kreisen hatte es vor der Karstadt-Aufsichtsratssitzung am Donnerstag geheißen, Pinger solle den Posten des Konzernchefs zumindest übergangsweise übernehmen, bis Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff einen ausgewiesenen Handelsexperten ausfindig gemacht habe. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrates hieß es aber am Abend, Middelhoff habe sich im Präsidium des Aufsichtsgremiums nicht durchsetzen können, Pinger ausdrücklich zum Vorstandschef zu machen.

Ein Aufsichtsratsmitglied hatte zuvor über Pinger geurteilt, „das ist ein ausgewiesener Finanzexperte, aber vom Handel versteht er nicht sehr viel.“ Zumindest ist der 45-Jährige im Gegensatz zum zurückgetretenen Achenbach unbelastet: Als Karstadt-Quelle unter Achenbachs Vorgänger Wolfgang Urban in die Krise geriet, war Pinger noch Finanzchef beim Industriegase-Hersteller Messer Griesheim.

Erst im Oktober hatte Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff ihn zu Karstadt-Quelle geholt. Dort hatte es seit August 2003 gar keinen Finanzvorstand gegeben, nachdem Norbert Nelles im Streit mit Urban über die Strategie gehen musste. Doch angesichts der finanziellen Engpässe und der bevorstehenden schwierigen Finanztransaktionen wollte Middelhoff nicht länger auf einen Finanzexperten im Managementteam verzichten. Pinger packte an: 700 Mill. € frisches Kapital und eine Kreditlinie über 1,75 Mrd. € retteten Karstadt-Quelle zunächst vor einer bedrohlichen Lage.

Der in Leverkusen geborene Betriebswirt Pinger lernte sein Handwerk bei Unilever und wechselte 1996 zu Fresenius Medical Care. 2002 übernahm er dann das Finanzressort bei Messer Griesheim, wo er Middelhoff auffiel. Da hatte sich Pinger bereits als kenntnisreicher Controller und als Fachmann für die Herbeischaffung von Beteiligungskapital hervorgetan.

„Pinger spricht die Dinge direkt an, während sie von Achenbach und Warenhauschef Helmut Merkel diplomatischer verpackt werden“, charakterisierte ein Aufsichtsrat den Neuen. In der Öffentlichkeit trat Pinger bislang kaum in Erscheinung. Intern gilt er dennoch als kommunikativ und kompetent, das in der Handelsbranche vielfach anzutreffende Misstrauen gegenüber der Öffentlichkeit ist ihm fremd.

Ob mit CEO-Titel oder ohne - Pingers Probleme sind die gleichen, an denen Achenbach und Urban gescheitert sind: die andauernde Konsumflaute, viele mittelmäßige Kaufhäuser, eine hohe Abhängigkeit vom Inlandsmarkt und ein hauchdünner finanzieller Spielraum für neue Ideen und Konzepte.

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