Pionier James Simons
Zahlendreher im Krieg der Algorithmen

Er gilt als Pionier des computergestützten Handels. Die von James Simons gefütterten Computer galten bislang als fast unfehlbar. Doch die Krise an den Kapitalmärkten macht auch dem Hedge-Fonds-Manager einen Strich durch die Rechnung.

LONDON. James Simons ist es nicht gewohnt, sich zu entschuldigen. Aber in der vergangenen Woche musste der wahrscheinlich erfolgreichste Hedge-Fonds-Manager der Welt bei seinen Anlegern schriftlich Abbitte leisten. Die Sache scheint dem Gründer von Renaissance Technologies tatsächlich unangenehm zu sein. Zumindest redet Simons in seinem Brief an die Investoren erst einmal um den heißen Brei herum: „Wie versprochen, möchte ich mit Ihnen einige Gedanken über die Entwicklung im August teilen, um den Blick auf eine außerordentlich ungewöhnliche Periode zu richten.“

Was Simons seinen Anlegern damit eigentlich sagen will: Einige seiner Hedge-Fonds sind in den ersten August-Tagen empfindlich unter die Räder gekommen. So musste beispielsweise der Renaissance Institutional Equities Fund (RIEF) Verluste von fast neun Prozent verkraften. Das ist bedenklich, denn für Simons’ Probleme sind nicht verängstigte Händler verantwortlich, die unter Druck falsche Entscheidungen getroffen haben. Sondern es sind Computer – die von Simons gefüttert werden.

Diese Computer galten bislang als fast unfehlbar. Jetzt allerdings, im Sog der großen Krise an den Kapitalmärkten, ausgelöst durch strauchelnde Hypothekenfinanzierer in den USA, laufen die Maschinen plötzlich Amok. Jahrelang erprobte Modelle spucken falsche Ergebnisse aus und sorgen für empfindliche Verluste. Dabei ist James Simons nicht irgendwer. Er gilt als der Herr der Zahlen, als der Pionier des „algorithmischen Handels“.

Das Hauptquartier von Renaissance Technologies im beschaulichen Städtchen East Setauket, eine Autostunde von New York entfernt, ähnelt eher dem Campus einer Eliteuniversität als der Zentrale eines Finanzkonzerns. Unter den Mitarbeitern finden sich kaum Börsenfachleute, stattdessen heuert Simons lieber Astrophysiker, Mathematiker oder Linguisten an. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Bei Renaissance bestimmen nicht Händler, was gekauft wird, sondern Wissenschaftler, die mathematische Modelle entwickeln. Modelle, die im riesigen Datenstrom, den die Kapitalmärkte jede Stunde, Minute und Sekunde des Tages produzieren, nach Signalen für kleine und kleinste Fehlbewertungen suchen, die sich gewinnbringend ausnutzen lassen.

Algorithmischer Handel ist längst nicht mehr die Ausnahme. In den USA läuft bereits ein Drittel des Aktienhandels über quantitative Modelle. Bis 2010 wird dieser Anteil auf 50 Prozent steigen, schätzen Analysten. Ähnlich sieht die Lage an anderen Märkten aus. Längst sprechen Experten von einem „Algo-War“ an der Wall Street, von einem Krieg der besten Algorithmen, und der Technologiekonzern IBM sagt voraus, dass bis 2015 rund 90 Prozent der menschlichen Händler verschwunden sein werden, ersetzt durch Großrechner und durch die Wissenschaftler, die die Maschinen füttern.

Wer den Renaissance-Gründer Simons auf der Straße treffen würde, hätte Mühe zu glauben, dass der ältere Herr mit dem weißen Bart und den schütteren Haaren ein Vermögen angehäuft hat, dass das Magazin „Forbes“ auf vier Milliarden Dollar schätzt. Allein 2006 hat er 1,7 Milliarden Dollar verdient – 100-mal mehr als Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Dabei schien Simons weit eher für eine Karriere im Elfenbeinturm der Forschung prädestiniert. Nach dem Studium der Mathematik wurde das kettenrauchende Zahlengenie Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology, später in Harvard. Simons’ Spezialgebiet ist die Differenzial-Geometrie, die Erforschung gekrümmter Räume und Oberflächen. Für seine bekannteste Arbeit „charakteristische Formen und geometrische Invarianten“ erhielt er gemeinsam mit Shiing-Shen Chern 1976 den Veblen-Preis der Amerikanischen Mathematischen Gesellschaft, eine der höchsten Auszeichnungen für geometrische Mathematik. Heute sind die Formeln wichtiges Handwerkszeug für Physiker, die damit nach den Ursprüngen des Universums fahnden.

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