Pioniere der Wirtschaft
Berthold Leibinger: „Wir waren hungrig“

Wie Berthold Leibinger zum König des Nibbelns wird, den Laser neu erfindet und zur Ikone des deutschen Mittelstands aufsteigt. Die Geschichte des Mannes, der aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf einen weltweit führenden High-Tech-Konzern machte.

DITZINGEN. „Da standen wir, 200 Schüler der Ulrich-von-Hutten-Oberschule in Korntal. Wir waren hungrig. Hungrig in jeder Beziehung.“ Das ist der Anfang. Die ersten Sätze eines Buches über sein Leben. Berthold Leibinger hat sie geschrieben, bisher allerdings nur im Geiste. Sätze, die ein Gefühl an einem Tag im Sommer 1945 beschreiben, dem Tag, an dem für den damals 14-Jährigen die Schule in einer Kleinstadt nahe Stuttgart nach dem Krieg wieder beginnt.

Es ist das Gefühl einer ganzen Generation, das Leibinger in diese Sätze packt. Einer Generation, deren Kindheit in den 30er-Jahren geprägt ist vom Jubel um die vermeintlichen Erfolge Hitlers, deren Jugend in den 40er-Jahren in die Zeit der Bombennächte fällt, eine Generation, die erwachsen wird in einem Umfeld von Knappheit und Entbehrung; die zu jung ist, um im Krieg persönliche Schuld auf sich zu laden. Eine Generation, die das neue Deutschland aufbauen will. Die hungrig ist, hungrig auf alles.

Heute, 60 Jahre später, sitzt Leibinger in einem hellen, großzügigen Büro mit deckenhohen Fensterflächen, weißen Schrankwänden, viel Leder, Chrom und Glas im siebten Stock eines nüchternen Bürobaus. Schaut er von seinem Schreibtisch auf, dann hat er im Blick, wohin ihn das Hungergefühl von damals geführt hat. Da unten zu seinen Füßen stehen sie, die Hallen von Trumpf, wo große Maschinen hergestellt werden zum Schneiden und Stanzen von Blechen, zum Schweißen und Biegen. Maschinen mit dem blauen Trumpf-Logo, wie sie in allen Teilen der Welt stehen, zum Bau von Fahrzeugen ebenso eingesetzt werden wie für Fahrkartenautomaten, Flugzeugturbinen und PC-Gehäuse. „Jeder, der auf dieser Welt wohnt, arbeitet, lebt, reist, fährt, hat mit Produkten zu tun, die auf unseren Maschinen entstehen“, sagt Leibinger.

Dies ist sein Erfolg, sein Lebenswerk. Er hat aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf, in der er nach dem Abitur als Lehrling anfing, einen High-Tech-Konzern gemacht, weltweit führend vor allem bei Werkzeugmaschinen, die mit gebündeltem Licht, mit Lasertechnik arbeiten. Trumpf ist heute eines der florierendsten Familienunternehmen der Republik und Leibinger eine Ikone des Mittelstands. Ein genialer Tüftler und erfolgreicher Unternehmer, der sich für Kunst genauso interessiert wie für Technik, Politik und die Wissenschaft. Und der sich einmischt, überall da, wo seiner Meinung nach etwas im Argen liegt. Für sein Wirken erhielt er bereits so ziemlich jede Würdigung, die zu Lebzeiten verliehen wird.

Christian Trumpf, Firmengründer und damals Chef von Trumpf, hat all diese Talente schnell bemerkt: 1956 heuert er seinen ehemaligen Mechaniker-Lehrling an. Der soll seine Diplomarbeit zum Abschluss des Maschinenbaustudiums im Unternehmen schreiben. Der Arbeitsauftrag lautet: einen speziellen Vorgang bei der Blechbearbeitung zu verbessern. Doch daraus wird nichts. Auf 87 Seiten, unterteilt in neun Kapitel, zusammengefasst unter der Überschrift „Untersuchung über die Grundlagen der Bearbeitung von Stahl und Nichteisenmetallen mit der Aushauschere“ findet Leibinger nur heraus: Das Verfahren taugt nichts, ein neues muss her. Die Maschine, die das beherrschen soll, die hat Leibinger da auch schon im Kopf, die so genannte Kopiernibbelmaschine. Beim Nibbeln werden Bleche Stück für Stück entlang einer Schnittlinie abgetrennt, die aus lauter kleinen Einzellöchern besteht.

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