Pioniere der Wirtschaft
Ludwig Poullain: „Denen habe ich den Marsch geblasen”

Karlsruhe, 1969: Ein Mann tritt beim Deutschen Sparkassentag auf die Bühne. Er hält eine Rede, eine visionäre, unerhörte Rede. Er hält den Mitgliedern seiner Organisation den Spiegel der Marktwirtschaft vor. Die Sparkassen und Landesbanken sollten sich endlich aus dem Schutz ihrer Besitzer – Bundesländer, Städte und Gemeinden – wagen und Schluss machen mit der Staatshaftung. Es sei endlich an der Zeit, findet Ludwig Poullain 1969, dass Landesbanken und Sparkassen richtige Banken würden.

DÜSSELDORF. Mailand, 2005: Alessandro Profumo gibt bekannt, dass seine Unicredito, 1998 entstanden als Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher italienischer Banken, Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus, die Hypo-Vereinsbank, übernimmt. Derweil verstricken sich hier zu Lande Sparkassen und Landesbanken in Scharmützeln. Die Gewährträgerhaftung, die Garantie der öffentlichen Hand gegenüber den Kunden, ist zwar seit Juli passé – die EU wollte das so. Hastig aber suchen Landesbanken und Sparkassen nun nach neuen Geschäftsmodellen. Der Markt hat sie längst überholt – wie Poullain es ihnen vor 36 Jahren vorhergesagt hat. Einer der traditionellsten Wirtschaftszweige Deutschlands muss aufholen – wie das Land, in dem er groß wurde.

Ludwig Poullain war einer der einflussreichsten, klarsichtigsten Bankiers in den Teenagerjahren der Bundesrepublik. Erinnern können sich an ihn heute freilich nur wenige. Weil seine Rede fast 40 Jahre zurückliegt. Weil die WestLB, die er gründete, nach ihm zurückglitt in die Fänge der Politik, der er sie entzogen hatte. Weil Poullains Karriere unauffällig begann, sich rasant beschleunigte, ein Jahrzehnt lang heller brannte als die meisten ihrer Zeit, schon Ende 1977 aber wie eine Sternschnuppe wieder verglühte – wegen eines Koffers mit einer Millionen D-Mark in bar, unter anderem. Als Ludwig Poullain seinen Sparkassenbeamten in Karlsruhe marktwirtschaftlich ins Gewissen redet, weiß jeder im Saal: Der Verbandspräsident kennt den öffentlich-rechtlichen Dinosaurier, dem er Beine machen will, in- und auswendig. Am Schalter einer Sparkasse hat er das Bankfach gelernt, dank der Sparkassenorganisation bildet sich der Bäckersohn fort und legt die Grundlage für seinen Aufstieg.

1950 bis 1955 ist Poullain Prüfer beim Rheinischen Sparkassen- und Giroverband. Lange Jahre liegt sein Prüfgebiet an der Mosel. Dort sind viele Sparkassenkunden Weinbauern. Sie besichern ihre Kredite mit ihrem Eigenkapital: Moselwein.

„Einmal, während einer besonders langen Prüfung, rief mich mein Chef an und fragte: ,Was machen Sie eigentlich so lange in Bernkastel?’“ erzählt Poullain. Er lächelt schelmisch. „Logisch, dass wir den Wein auch getrunken haben. Wie wollen Sie denn sonst die Qualität der Sicherheiten für die Kredite beurteilen?“

Prüfen heißt unbequem sein – um der Sache willen. Poullain findet Spaß an der Auseinandersetzung mit den Herren Vorständen. Und frech kommt weiter. 1955 prüft er die Sparkasse Solingen: „Die hatte gerade einen neuen Vorstandsvorsitzenden bekommen, aber die waren so etwas von lahm! Also habe ich denen gehörig den Marsch geblasen.“

Das spricht sich herum. Statt den kritischen Prüfer abzukanzeln, sagt ein Verwaltungsrat: „Meckern Sie nicht, kommen Sie her! Wir haben eine Stelle frei im Vorstand.“ Ludwig Poullain wechselt die Seiten. Drei Jahre später rückt er auf zur Nummer eins – bei der Kreissparkasse in Recklinghausen. Was heute nach Provinz klingt, ist für ihn der Einstieg ins Großbankengeschäft. Recklinghausen ist der größte Landkreis der Bundesrepublik, geprägt von Schwerindustrie und (noch) viel Bergbau, dazu reichlich kreditdurstiger Mittelstand. 1964, als Poullain Recklinghausen verlässt, legt Deutschlands Bruttoinlandsprodukt um 6,8 Prozent zu, nur 169 070 Menschen sind arbeitslos. „Man konnte so viel verändern! Das war schon toll“, schwärmt Poullain noch heute.

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