Pitney-Bowes-CEO Murray Martin
Den Chef auf Eis gelegt

Mitarbeiter-Führung? Bei Murray Martin, CEO von Pitney Bowes, dem größten Postdienstleisters der Welt, findet sie beim Eishockey statt. Regelmäßig wagt sich der 60-Jährige mit seinen Angestellten aufs Glatteis. Über einen Chef, der wirklich vom Teamgedanken überzeugt ist.

Der und Eishockey? Ein paar Zuschauer schauen leicht bedenklich, als der grauhaarige Geschäftsmann seinem SUV entsteigt. Er trägt eine graue Hose und ein blaues Sakko und bewegt sich bedächtig, ohne die körperliche Präsenz eines durchtrainierten Sportlers. Falls Murray Martin die Skepsis bemerkt, so lässt er es sich nicht anmerken. In aller Ruhe zieht er eine verbeulte dunkelgraue Sporttasche aus dem Kofferraum, zwei zerkratzte Schläger mit der Aufschrift „Titan“ sowie zwei Paar Schlittschuhe. Er deutet auf das eine Paar. „Das sind meine Lieblingsschuhe, aber sie haben einen Riss“, erklärt er. Er betritt das Stadion und verschwindet hinter einer grünen Tür mit der Aufschrift „Locker Rooms“.

Heraus kommt die Nummer 9, eine muskulöse Gestalt in einem blauen Trikot, mit dicken, schwarzen Oberschenkel-Schützern und geringelten Kniestrümpfen. Das Gesicht ist hinter dem Gitter eines schwarzen Helms verborgen. Ist das derselbe Mann? Und schon ist Nummer 9 auf dem Eis, läuft sich mit gleichmäßigen, kräftigen Schritten warm, vorwärts, rückwärts, als habe er sein Leben lang auf dem Eis gestanden. Hat er auch. „Ich habe Eishockey gespielt, seit ich laufen konnte.“ Jetzt ist er 60 Jahre alt, Chef eines Weltkonzerns – und spielt immer noch.

Auf dem Eis ist er schnell und wendig. Wie eine Katze auf Kufen steuert er auf den Torwart zu, trickst einen Mitspieler aus, ein kurzes Täuschungsmanöver mit dem Schläger, und bang! Der Puck ist im Netz. Die Teammitglieder jubeln. Murray Martin lächelt triumphierend, richtet sich auf, lässt den Schwung auslaufen.

Das Spielfeld im Eisstadion „Twin Rinks“ in Stamford, Connecticut, ist eine funktionale Trainingsbahn. Die Neonlampen an der Decke sind ebenso hässlich wie das silberfarbene Isoliermaterial, in Schaukästen hängen alte Fotos von kleinen Eisprinzessinnen und Nachwuchshockeyspielern. Zuschauertribünen gibt es nicht – für die wenigen Neugierigen genügen ein paar Holzbänke in der Eingangshalle; eine Scheibe aus Sicherheitsglas gibt den Blick frei auf das Eis. Große Spiele finden woanders statt. Doch für die Betriebsmannschaft von Pitney Bowes ist das Stadion ideal, liegt der Hauptsitz der Unternehmensgruppe doch nur wenige Kilometer entfernt. Pitney Bowes ist ein amerikanisches Traditionsunternehmen: Gründer Arthur Pitney erfand 1901 die Frankiermaschine. Heute produziert und vertreibt der Konzern alles, was im weitesten Sinne mit Post zu tun hat, von der Paketwaage bis zur elektronischen Adressverwaltung. Murray Martin ist CEO und Verwaltungsratsvorsitzender.

Eishockey, aktiv betrieben, wäre in Deutschland ein ungewöhnliches Hobby für einen Konzernführer. Doch Murray Martin ist in Kanada geboren und aufgewachsen, dem Mutterland des Eishockeys, wo die Sportart so populär ist wie in Deutschland Fußball. Vorläufer des Feldhockeys sollen bereits im alten Ägypten gespielt worden sein; im 19. Jahrhundert führten europäische Einwanderer den Sport in der Neuen Welt ein und übertrugen ihn aufs Eis. Die ersten dokumentierten Eishockey-Spiele fanden um 1850 herum in Kanada statt, die Spieler waren britische Soldaten.

Auch Murray Martins Vorfahren sind Einwanderer, sie gehörten der Religionsgemeinschaft der Mennoniten an, die im 19. Jahrhundert in Europa verfolgt wurden. Die Familie ließ sich in einem winzigen Ort in der Provinz Ontario nieder, der erst „Berlin“ hieß und später, während des Zweiten Weltkriegs, in „Kitchner“ umbenannt wurde. Noch in der Grundschule wurde Deutsch gesprochen, erinnert sich Martin und versucht ein paar Brocken hervorzukramen: „Wie geht es Ihnen?“ Überraschung: Er spricht mit Schweizer Akzent.

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