Pleiten, Pech und Pannen
Ein Manager sieht gelb

Schon früh am Vormittag des 6. Juni hat Postchef Klaus Zumwinkel seine wichtigsten Investmentbanker um sich versammelt. Das Thema, das die illustre Runde an diesem Sonntag zusammenbringt, ist mehr als heikel. Nach zwei Wochen Pleiten, Pech und Pannen gilt es, die Konditionen für den größten deutschen Börsengang seit mehr als drei Jahren, die milliardenschwere Emission der Postbank, festzuzurren.

HB DÜSSELDORF. „Natürlich geht man immer mit unterschiedlichen Erwartungen in solche Verhandlungen, der Kunde will den maximalen Preis herausholen, und wir müssen schauen, dass wir die Aktien auch losbekommen“, erinnert sich ein Banker. Dieses Mal aber läuft das Ringen besonders zäh. Erst nach der Kaffeepause, spät am Nachmittag steigt weißer Rauch auf. Dazwischen liegen Stunden harter Diskussionen, Stunden mühsamen Argumentierens. Doch eigentlich hätten sich die Banker an diesem Sonntag auch freinehmen können, denn Zumwinkel weiß längst, wieviel Geld er für seine Finanztochter haben will, und er ist auch nach sieben Stunden Verhandlungen nicht bereit einzulenken.

500 Großinvestoren haben die 19 Konsortialbanken unter Führung von Morgan Stanley und der Deutschen Bank in den Wochen vor dem entscheidenden Treffen befragt, und mächtige Anleger, die über Wohl und Wehe eines Börsengangs entscheiden können, haben klar gemacht, dass sie nicht mehr als 30 Euro für die Postbankaktie bezahlen wollen. Das alles kümmert den Postchef nicht weiter, er hat seine Pläne im Kopf, wie er mit dem Privatisierungserlös seinen gelben Logistikkonzern weiter stärken kann.

Äußerlich wirkt der 59-jährige Spitzenmanager wie eine graue Maus. Fast weiße Haare, blasses Gesicht, unauffällige Brille. Wenn Zumwinkel lächelt und mit leichtem rheinischen Dialekt seine langsamen Sätze spricht, dann strahlt er sanfte Ironie, Gemütlichkeit und Jovialität aus. Doch seine Ziele setzt der Ex-McKinsey-Mann, der aus der gelben Beamtenpost einen Weltkonzern gemacht hat, knallhart durch – egal, ob es dabei um den Umbau des Unternehmens geht oder eben um den Verkauf von Aktien.

Am Ende der sonntäglichen Endlossitzung liegt die Preisspanne für den Börsengang bei 31,50 Euro bis 36,50 Euro und damit genau dort, wo Zumwinkel sie haben möchte. Bis zu sechs Mrd. Euro wäre damit die gesamte Postbank wert.

„Völlig überzogen, damit gefährdet Zumwinkel den Erfolg des Börsengangs“, klagt ein schockierter Fondsmanager, als er zum ersten Mal von den Preisvorstellungen des Postchefs hört. Zuerst wollte es der Vertreter einer großen deutschen Investmentgesellschaft gar nicht glauben. „Das ist doch ein Scherz, oder?“

Zumwinkel setzt alles auf eine Karte

Anderthalb Wochen später ist klar, dass der Fondsmanager ein Stück weit Recht behalten sollte. Auch zwei Tage vor Ende der Zeichnungsfrist steht der Postbank-Börsengang noch auf der Kippe. Viele große Fonds in Deutschland, Großbritannien und den USA haben abgewunken, ihnen ist die Aktie schlicht zu teuer. Zumwinkel hat im Preispoker buchstäblich alles auf eine Karte gesetzt. Gelingt der Börsengang doch noch, knicken die kritischen Großinvestoren also in letzter Sekunde ein und beugen sich Zumwinkels Preisvorgabe, dann hat der Postchef alles richtig gemacht. Sollte das Prestigeprojekt allerdings scheitern, dann hat der Konzernlenker dem ohnehin angeschlagenen deutschen Kapitalmarkt schweren Schaden zugefügt.

„Zumwinkel ist der Boss, er hat alle Fäden in der Hand“, meint ein Banker. „Die ganze Geschichte hat durchaus ihre Ironie“, erzählt ein anderer Manager, der am Börsengang mitarbeitet. „Eigentlich seien es ja erst die Pannen gewesen, die den Postchef in eine gute taktische Position gebracht hätten. „Zumwinkel pokert natürlich extrem hoch, aber er hat eben auch ein gutes Blatt in der Hand.“

Was der Banker meint: Wenn der Börsengang doch noch abgesagt werden muss, kann der oberste Postler ohne Probleme die Doppelblamage der Deutschen Bank dafür verantwortlich machen. Und so strotzt der nach außen hin so unauffällige Postchef dieser Tage vor Selbstbewusstsein.

Gestern haben die Konsortialbanken die Post noch einmal gedrängt, die Preisspanne zu senken, sonst drohe dem Börsengang das endgültige Aus. Keine Chance: „Bevor Zumwinkel den Preis senkt, sagt er den Börsengang lieber ab“, war aus Postkreisen zu hören.

Zumwinkel lächelt dieser Tage gern spitzbübisch, wenn er von der Kritik am hohen Preis hört: „Da wollen doch nur einige Fondsmanager im Einkauf ein paar Euro gutmachen.“

Genau diese Worte hat Zumwinkel etwa gebraucht, als er rund 20 Stunden nach der sonntäglichen Marathonsitzung auf einer Pressekonferenz über den Börsengang spricht. Drei Plätze weiter rechts auf dem Podium sitzt Georg Hansel von der Deutschen Bank, und auch der Top-Investmentbanker mit den lichten Haaren lächelt, allerdings eher verlegen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Geräuschvolles Telefonat“ mit Ackermann

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