Porträt
Allein unter Paradiesvögeln

Lange, wohl geformte Beine, ein kühler Blick aus blauen Augen – wenn am Samstagabend Topmodel Nadja Auermann über den 700 Meter langen Laufsteg auf der Düsseldorfer Königsallee schreitet, wird ein Mann ganz besonders nervös sein: Frank Hartmann.

DÜSSELDORF. Für den schlanken 48-Jährigen mit den kurzen, grauen Haaren ist es die erste Modemesse, die er als Vorsitzender der Geschäftsführung verantworten muss. Ein aufregender Job – nicht nur wegen der wahrscheinlich längsten Beine der Welt.

Die Collections Premieren Düsseldorf (CPD) sind zwar nach wie vor eine der größten Modemessen der Welt. Doch schrumpft die Zahl der Aussteller und Besucher seit Jahren. Waren es zu Beginn des Jahrzehnts noch 2500 Aussteller, zählte die Branchenschau im Januar nach eigenen Angaben nur noch rund 1 500. Ein Abwärtstrend, den Hartmann stoppen muss.

Zu seinen ärgsten Konkurrenten gehören Gerald Beck und Karl-Heinz Müller. Die Macher der Modemessen B-In-Berlin sowie Bread & Butter haben der CPD vor allem die Herrenschneider und junge Kreative abgejagt. „Wir werden Berlin das Terrain nicht kampflos überlassen“, tönte Hartmann bereits vor Wochen. Zum Showdown kommt es an diesem Wochenende. Die Berliner Schauen und die Düsseldorfer CPD finden zeitgleich statt. Während Hartmann am Samstagabend am Catwalk in Düsseldorf steht, steigt in Berlin die Szeneparty im Haus der Kulturen der Welt.

Unter den Paradiesvöglen der Modebranche fällt Hartmann schon rein optisch auf. Meist trägt der gebürtige Westfale einen gediegen grauen Anzug, dezent aufgepeppt durch eine bunte Krawatte. Sein betont nüchternes Auftreten mit der korrekten, dialektfreien Aussprache kommt nicht von ungefähr. Hartmann ist kein Mann der Mode, sondern der Messe.

Direkt nach dem Studium startete der Kaufmann bei der Messe Köln, 1996 trieb es ihn schließlich wieder etwas rheinabwärts, zur Messe Düsseldorf, wo er das Auslandsgeschäft verantwortete. Im April stieg Hartmann schließlich zum Vorsitzenden der Geschäftsführung des Messeveranstalters Igedo Company auf, die seit vergangenem Jahr mehrheitlich (78,05 Prozent) der Messe Düsseldorf gehört. Den Neuzugang bei der Messe Düsseldorf nannte Messechef Werner Dornscheidt damals „ein schwieriges, emotionales Element“.

Für die nötige Rationalität bei der Messetochter soll Hartmann sorgen – und die Kosten in den Griff kriegen. Zwar schreibt die Igedo nach eigenen Angaben nach wie vor schwarze Zahlen, doch sind die Gewinne in den vergangenen Jahren eingebrochen.

Hartmann fackelte denn auch nicht lange und machte sich gleich daran, bei der Igedo aufzuräumen. Als Erstes will er die Strukturen von Veranstalter Igedo und Messe Düsseldorf angleichen. „Vor allem bei Technik und EDV können Synergien genutzt werden.“

Den Schulterschluss sucht Hartmann dabei auch mit den Betreibern der 700 Showrooms am Rhein, die bisher als böse Konkurrenz galten: „Ich betrachte sie als Kooperationspartner. Nur zusammen können wir überleben!“ Den Worten lässt er erste Taten folgen. Im aktuellen Messekatalog mit dem Titel „Power of D“ sind neben den Messeständen zum ersten Mal auch alle Showrooms mit Namen und Adressen aufgeführt.

Für Hermann Fuchslocher, Geschäftsführer der gleichnamigen Unternehmensberatung, ist Hartmann „der ruhende Pol im Modezirkus“. Er kennt ihn schon lange und beschreibt ihn als „geradlinig und analytisch“. Doch eng damit verknüpft, ist auch sein größtes Manko. Mit Mode hatte Hartmann bisher wenig am Hut. Diese Lücke muss die Nummer zwei in der Igedo-Geschäftsführung schließen: Margit Jandali. Die gelernte Industriekauffrau und Diplom-Übersetzerin arbeitet schon Jahrzehnte im Modegeschäft. Heute, in der Geschäftsführung mit Hartmann, kümmert sich die stets sehr gewählt gekleidete 56-Jährige ums Marketing, nutzt ihre vielen Kontakte in die Modeszene und versucht – angesichts der Berliner Konkurrenz –, Firmen von Düsseldorf zu überzeugen.

Dass Kaufleute und Kreative selten gut miteinander können, gilt in der Branche als Binsenweisheit. Doch Jandali und Hartmann treten bereits nach wenigen Wochen wie ein eingespieltes Team auf. Bei einer Bootstour auf dem Rhein im Vorfeld der CPD wird geflüstert, gescherzt und laut gelacht. „Als Kapitän der CPD stehe ich nicht auf schwankenden Planken, sondern steuere das Flaggschiff der Messe Düsseldorf mit festem Kurs“, verkündet Hobbysegler Hartmann. Grund für die gute Stimmung an Bord ist ein erster Achtungserfolg. Classico Italia, ein Verbund hochwertiger italienischer Herrenschneider, wird am Wochenende erstmals in Düsseldorf ausstellen.

Aber die Erwartungen an Hartmann sind hoch. Sein Vorgänger war kein geringerer als „Mr. Igedo“. Manfred Kronen formte das 1949 von seinem Vater Willi Kronen gegründete Unternehmen zu einem internationalen Topereignis und scharte die Modeszene wie einen Freundeskreis um sich. Doch am Ende konnte auch Kronen den Niedergang der CPD nicht verhindern. Nun hat Nachfolger Hartmann den schweren Job, das an Berlin verlorene Terrain zurückzugewinnen.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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