Porträt: Christian Streiff
Ein Schriftsteller für Airbus

Mit Flugzeugen hat Christian Streiff schon lange zu tun – in seinem Privatleben: Der 51-Jährige ist Sportpilot. Ansonsten verfügt der neue Airbus-Chef über keine Branchenerfahrung, was ihm manche Insider in Frankreich als Schwachstelle ankreiden. Die Kritiker halten ihn für eine Übergangslösung.

PARIS. In den Pariser Kulissen unken Kritiker, die Berufung Streiffs an die Spitze des europäischen Flugzeugbauers sei vor allem als Konzession an die deutschen Anteilseigner von EADS zu verstehen. Auch deshalb könne die Personalie Streiff nur eine „Übergangslösung“ für Airbus sein, zumal auch der deutsche EADS-Co-Chef Tom Enders über keine langjährigen Erfahrungen im zivilen Flugzeugbau verfüge.

Das Misstrauen mancher Franzosen könnte auch daher rühren, dass es sich bei Streiff um einen ausgeprägt germanophilen Manager handelt. Das ist ein seltenes Phänomen in der traditionell national, allenfalls angelsächsisch orientierten Pariser Geschäftswelt. Der im grenznahen Lothringen geborene Streiff spricht perfekt Deutsch und verbrachte immerhin sieben Jahre seines Berufslebens diesseits des Rheins. Er verfügt über glänzende Kontakte in deutsche Industriekreise, wovon seine Aufsichtsratmandate beim Reifenhersteller Continental und beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp zeugen.

Über seine deutsche Zeit schrieb Streiff sogar einen zweihundert Seiten starken Roman: „Kriegsspiel“ thematisiert die industriellen Wirren in Ostdeutschland nach dem Fall der Mauer. Protagonist der Story ist ein französischer Manager, der einem ostdeutschen Werksleiter ohne Skrupel die Gesetze des Kapitalismus beibringt. Die Figur trage deutlich autobiografische Züge, lästern Pariser Spötter. Denn der Autor des von der Literaturkritik gelobten Romans gilt in industriellen Kreisen der Seine-Stadt nicht unbedingt als Feingeist, wenn es um Geschäfte geht.

„Spontan, impulsiv, ungeduldig, charismatisch, aber nicht immer geschickt“, heißt es über ihn in seinem früheren Umfeld beim französischen Verpackungskonzern Saint-Gobain. Diesen Ruf hat Streiff dem abrupten Ende seiner langjährigen Karriere bei Saint-Gobain zu verdanken. Erst im Frühjahr 2004 hatte Vorstandschef Jean-Louis Beffa seinen Lieblingsmanager zum Nachfolger auserkoren. Doch kurze Zeit später fiel Streiff bei seinem einstigen Gönner in Ungnade. Im Mai 2005 schließlich verließ Streiff nach 26 Jahren den Konzern Saint-Gobain.

Offizielle Gründe wurden nicht angegeben, was um so mehr Raum für Spekulationen gab – zumal alle Beobachter Streiff bis dahin eine makellose Leistung bescheinigt hatten. Ein tief greifendes Zerwürfnis mit Beffa über die Unternehmensstrategie sei der Grund für die Trennung gewesen, mutmaßen die einen. Möglicherweise habe Streiff zu voreilig die Zügel an sich reißen wollen und damit den Patron verärgert. Neidische Konkurrenten im Unternehmen hätten Streiff zu Fall gebracht, wollen andere wissen. Streiff habe es seinerseits nicht verstanden, sich nach seinem langjährigen Auslandsaufenthalt einzufügen in die Gepflogenheiten der Konzernzentrale in Paris.

Auch werden Streiff immer wieder Eigensinn und Sturheit nachgesagt. Deshalb habe Beffa ihn schon in früheren Jahren gebeten, ab und an einen Gang zurückzuschalten: „Auch wenn man die Energie hat, Berge zu versetzen, sei es manchmal doch klüger, sie zu umgehen.“ Auch deshalb wird der frisch gebackene Spitzenmann von Airbus insbesondere beim französischen Management eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Die Aufgabe geht er zügig an. Bereits am Montag stattete er dem Airbus-Standort im südfranzösischen Toulouse einen ersten Besuch ab. Dort findet er viele Baustellen vor. Vor allem der Riesenflieger A380, bei dem Liefertermine nicht eingehalten werden können, wofür sein Vorgänger Gustav Humbert gestern die Verantwortung übernahm. Dann das Mittelstreckenflugzeug A350, von dem weder die Kundschaft noch Airbus selbst überzeugt sind. Außerdem die viermotorige A340, die in Zeiten hoher Kerosinpreise im Wettbewerb mit der zweimotorigen Konkurrenz, der Boeing 777, womöglich ins Hintertreffen geraten könnte. Und schließlich der geplante Verkauf der Airbus-Tochter Sogerna, der in Frankreich für Unruhe sorgt.

Auch die Reibungsverluste zwischen der deutschen und der französischen Managementkultur werden den neuen Patron wohl beschäftigen – eine Problematik, die ihm nicht unbekannt ist. Über die Unterschiede zwischen der mediterranen und der angelsächsischen Geschäftswelt wollte Streiff sogar ein Buch schreiben. Das Projekt dürfte nach seiner Berufung an die Airbus-Spitze sicher keine Priorität mehr haben. Bei seiner künftigen Aufgabe dürfte ihm seine ausgeprägte Leidenschaft für die Industrie helfen. „Ich habe miterlebt, wie er ganze Nächte in Fabriken verbrachte, um Maschinen wieder ans Laufen zu bringen“, berichtet ein früherer Kollege.

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