Porträt Daniel Günthert
Knopfarchiv im Kopf

Daniel Günthert hat den „schönsten Beruf, den es gibt auf der Welt“. Na gut, das behauptet er selbst. Welcher Beruf das ist? Der 37-Jährige macht „Frauen schöner, noch schöner als sie von Natur aus schon sind“.

DÜSSELDORF. So reden sie nun mal in der Modebranche. Und doch ist Günthert, der in dritter Generation das exklusive Münchener Modeunternehmen Rena Lange führt, kein typischer Vertreter der Branche. Er will mehr, mehr als sich auf dem Familienerbe auszuruhen, sich auf High-Society-Partys auszutoben und ab und zu mal mit den Stars und Sternchen ablichten zu lassen, die die Entwürfe seines Hauses tragen.

Er will aus dem mittelständischen Familienunternehmen mit 240 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 50 Millionen Euro eine internationale Luxusmodemarke machen. „Ziel ist es, pro Jahr um 15 Prozent zuzulegen, um mittelfristig die kritische Größe von 100 Millionen Euro Umsatz zu erreichen“, erklärt Günthert. Nur so sei die Selbstständigkeit gegenüber Luxusgüterkonzernen wie Prada, LVMH oder Richemont zu wahren. Wie es bei der großen Konkurrenz aussieht, weiß er bestens: Nach dem Studium war die Marketingabteilung von Estée Lauder in New York seine erste Station.

Wider der branchenüblichen und münchentypischen Prunksucht trägt Günthert weder eine exklusive Armbanduhr noch glänzende Manschettenknöpfe. Mit einer dezenten, randlosen Brille und dem schlichten blauen Sakko über hellblauem Hemd kommt er selbst auf dem Branchentreff, der Düsseldorfer Modemesse CPD, bodenständig daher. Als „sehr zurückhaltend“ beschreiben ihn Konkurrenten. „Die Marke Rena Lange ist in aller Munde, den Namen Günthert kennen die wenigsten“, berichtet ein Branchenkenner.

Dem Glanz und Glitter der Modeszene widersetzte sich Günthert schon als 20-Jähriger, als er – statt bei einer berühmten Adresse ein Praktikum zu absolvieren – für einen kleinen italienischen Stoffvertrieb mit einem alten Alfa Romeo über Land fuhr und Stoffballen verkaufte.

So dezent der Chef, so prunkvoll die Marke. Wie Dolce & Cabbana & Co setzt auch der Rena-Lange-Gründerenkel auf edle Architektur, um seine Marke in den 17 eigenen Boutiquen zu inszenieren. Die Messlatte liegt hoch: Prada macht mit von Rem Koolhaas entworfenen Epizentren seit Jahren Furore, der Düsseldorfer Modehändler Peek & Cloppenburg mit seinen Weltstadthäusern.

Im Januar eröffnete das runderneuerte 400-Quadratmeter-Flaggschiff Rena Langes in der Maximilianstraße in München. Regalsysteme aus weißlackiertem Aluminium auf schwarzem Terrazzoboden ersetzen die Vitrinen aus Kirschholz mit Messingbeschlägen im Art-déco-Stil – alles erdacht vom britischen Stararchitekten David Chipperfield.

„Dieses Jahr folgt noch London, und dann geht es Schlag auf Schlag. Drei Boutiquen werden pro Jahr modernisiert“, sagt Günthert. Seine Stimme erhebt sich trotz der klaren Worte nicht. Sanft schiebt er seine Brille auf dem Nasenrücken ein Stück nach oben.

Mit ihrer neuen Leidenschaft für die Architektur reagieren die Modemacher auf den Markt. Der ist schwierig, zu viele Edelmarken rangeln sich um zu wenige Käuferinnen. Kreative wie die Berlinerin Anna von Griesheim buhlen mit exklusiver Betreuung und Entwürfen um prominente Kundinnen. Mit großer Schlagkraft gehen die börsennotierten Modekonzerne vor. Escada unterzieht seine 300 Boutiquen weltweit einer Schönheitskur, Hugo Boss geht mit eigenen Läden für Accessoires und für Boss Woman in die Offensive.

„Der Ladenbau kann eine Kollektion nur unterstreichen. Definieren muss sich eine Kollektion aus sich heraus“, warnt Peter Boveleth vor zu hohen Erwartungen an die Verbindung von Architektur und Mode. Rena Lange ist für den Vizepräsidenten des Modeverbands German Fashion und Chef des Modeunternehmens Ambiente aber ein „beeindruckendes Unternehmen“, dem er die Verbindung zutraut: „Die Kollektion ist stimmig, die Kundenkartei exklusiv und die Ausrichtung bei einer Exportquote von 70 Prozent international.“

Ein Manko hatte die Auslage bei Rena Lange aber bisher: Von den 150 000 Entwürfen, die die Münchener jedes Jahr in Deutschland, Osteuropa und Asien fertigen lassen, sind nur ein Bruchteil Accessoires. Das soll sich jetzt ändern, sind margenstarke Accessoires wie Taschen und Gürtel doch das Salz in der Suppe der Mode- und Luxusgüterindustrie. „Ab Spätherbst gibt es eine eigenständige Accessoires-Kollektion“, sagt Günthert. Mittelfristig soll das Beiwerk ein Fünftel zum Umsatz beitragen.

Der neue Auftritt und die Hinwendung zu Accessoires sind aber auch eine Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne. 1916 als Geschäft für „Feine Dessous“ gegründet, trieb die zweite Generation, Daniel Güntherts Eltern, den Wandel zum Modehaus voran. Schon mit der ersten Kollektion gelingt der Durchbruch. „Es triumphiert unaufdringliche Eleganz, geschaffen für den Typ der perfekt gekleideten Lady“, schreibt 1958 die „Süddeutsche Zeitung“.

Rena Lange bleibt aber bis in die 90er-Jahre ein stark auf die Persönlichkeiten Renate und Peter Günthert – der als „Tausendsassa der Mode“ gilt – konzentriertes Unternehmen. „Erst mit Sohn Daniel Günthert begann die Professionalisierung“, berichtet Ralf Sturm, der langjährige Geschäftsführer Produktion und Entwicklung. Der Hysterie in der Modeszene im Allgemeinen und der Detailversessenheit bei Rena Lange im Besonderen begegne der Junior mit Kollektionsrahmenplänen betriebswirtschaftlich. „Inhaltlich schreitet Daniel Günthert sehr strukturiert und rasant voran“, erzählt Sturm. An Leidenschaft fehle es aber auch dem dritten Günthert nicht: „Das Knopfarchiv kennt er in- und auswendig.“

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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