Porträt
Der freche Herr Pluta rettet Märklin

Michael Pluta müht sich als Insolvenzverwalter um die Rettung der Traditionsfirma Märklin. Dabei riskiert er schon mal ein offenes Wort – und macht sich damit meist keine Freunde. „Ich bin ein Freund von Pleiten, denn ich lebe davon“, sagt er.

STUTTGART. Michael Pluta hat sich schon früher gern mit Modelleisenbahnen beschäftigt. Damals trennten sich die Schulkameraden von ihren Lokomotiven, um das nötige Geld für das erste Moped zusammenzukratzen. Pluta kaufte die Märklin-Schätze günstig auf und gab sie teuer an meist erwachsene und solvente Eisenbahnliebhaber weiter. Das waren seine ersten Geschäfte mit der Traditionsfirma Märklin. 40 Jahre später – genau seit dem 4. Februar 2009 – liegt das Schicksal des Unternehmens in seinen Händen als Insolvenzverwalter.

Um 11 Uhr erteilte an diesem Februartag der Richter das Mandat. Um 12 Uhr holte Pluta die Papiere bei Gericht ab. Um 14 Uhr rückte er mit drei Kollegen in der Firma an, sprach mit dem Geschäftsführer, dann mit dem Betriebsrat. Am Abend besuchte er den Märklin-Stand auf der Nürnberger Spielwarenmesse. „Bei einer Insolvenz muss man schnell vor Ort sein, um sich einen Überblick zu verschaffen“, sagt der gebürtige Ulmer gänzlich ohne schwäbischen Dialekt.

Am Dienstag um 7.30 Uhr stand der 58-Jährige wieder vor der Belegschaft – Betriebsversammlung in der Göppinger Stadthalle. Wie immer redet er frei – kein Manuskript, keine Power-Point-Präsentation. „Ich stelle mich nie hinter ein Pult und nur ungern auf ein Podium. Ich muss so nah wie möglich an die Leute ran“, sagt Pluta. Berührungsängste kennt er nicht, selbst wenn er meist Grausamkeiten verkünden muss und schon mal Gegenstände fliegen. Von 1 417 Mitarbeitern entlässt der vorläufige Insolvenzverwalter 397 Beschäftigte, 166 davon am schwäbischen Stammsitz in Göppingen. „Der Schnitt hätte früher kommen müssen“, sagt Pluta. Die Kündigungen sollen noch im März kommen.

Zum 1. April läuft das Insolvenzgeld vom Staat für die Löhne aus, und aus dem vorläufigen wird der endgültige Insolvenzverwalter. Pluta hat so etwas schon Hunderte Mal durchgezogen, in Deutschland gehört er zu den größten seiner Branche.

„Ich bin ein Freund von Pleiten, denn ich lebe davon“, sagt er am Vorabend im Wirtschaftspresse-Club Stuttgart. Das klingt wie Zynismus. Aber er fühlt sich eher wie ein Notarzt. Der werde auch immer erst geholt, wenn es oft schon zu spät sei. Für ihn liegt es in der Natur der Sache, dass man sich damit keine Freunde macht. Es ärgert Pluta nur, wenn niemand verstehen will, dass er die Situation nur analysiert und zunächst „vorwurfsfrei“ arbeitet. Gesellschafter, Management und Beschäftigte fassen dagegen die schonungslose Offenlegung der Schwachstellen automatisch als Kritik ihrer Arbeit und Besserwisserei auf.

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