Porträt: James Houghton
Der dunkle Engel geht in Rente

Seine Rückkehr war eine Frage der Ehre – und sein zweiter Abschied vom Arbeitsleben ist ein ehrenvoller: James Houghton, der 70-jährige Patriarch des Glasfaser-Konzerns Corning, hat am 1. Mai den Chefposten verlassen, um nun endgültig in Rente zu gehen.

CORNING. Sein Urur-Großvater Armory hatte Corning 1851 gegründet, seit dieser Zeit war das Unternehmen fast ohne Unterbrechung von einem Houghton geführt worden. James Houghton dirigiert den Konzern ab 1983, als er auf seinen älteren Bruder folgt. Ein schwerer Unfall 1993 setzt ihn eine Zeit lang außer Gefecht, 1996 geht er frühzeitig in Rente.

Es folgen goldene Zeiten: Der Glas-Konzern hat die Glasfaser als Geschäftsfeld entdeckt, und der anschwellende Internet-Gesang macht sie zum heiß begehrten Gut rund um den Globus. Die Mitarbeiterzahl wächst von 15 000 Leuten 1996 in nur vier Jahren auf 43 000. 7,1 Milliarden Dollar setzt der Konzern 2000 um.

Doch dann folgt der Fall der New Economy, das Platzen der Börsenblase und ein Einbruch der Glasfaser-Nachfrage. 2003 ist der Umsatz auf 3,1 Milliarden Dollar zusammengefallen, der Corning-Aktienkurs von 113 Dollar im Jahr 2000 auf 1,14 Dollar 2002 gestürzt.

Im April des Jahres kehrt James Houghton an die Spitze des Unternehmens zurück. „Mein erster Gedanke war, die Hauptverantwortlichen zu erschießen“, sagt er später in einem Interview. Sein Leben war Corning gewidmet, seine familienfremden Nachfolger schienen das Erbe des Clans ruiniert zu haben.

Houghton greift zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er feuert die Top-Leute nicht – denn sie sollen den Karren persönlich aus dem Dreck ziehen. Über ein Dutzend Werke müssen schließen, das einst so gerühmte Mikrofotografiegeschäft wird abgegeben, fast die Hälfte aller Angestellten verliert ihre Arbeit. Schnell hat der auch früher wenig geliebte Houghton in der Belegschaft seinen alten Spitznamen zurück: Dark Angel – dunkler Engel.

Doch mit seinen blutigen Schnitten rettet er das Unternehmen. Im vergangenen Jahr setzte Corning 4,58 Milliarden Dollar um und erzielte damit einen Vorsteuergewinn von 572 Millionen.

„Als ich 2002 zurückkam, sagte ich, dass ich keinen Zeitplan für meinen Ruhestand hätte, sondern mich aus dem aktiven Arbeitsleben zurückziehe, wenn die richtige Zeit gekommen ist. Jetzt ist sie da“, sagt Houghton zum Abschied. Er bleibt dem Konzern als Nonexecutive Chairman erhalten. Sein Nachfolger wird der bisherige Chief Operating Officer Wendell Weeks.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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