Porträt
Madeleine Schickedanz: Hinten in der Villa

Bei der Hauptversammlung des Handelskonzerns Karstadt-Quelle am heutigen Montag wird Großaktionärin Madeleine Schickedanz fehlen. Und doch steht sie im Mittelpunkt. Die große Frage: Will sie sich von der Last des Erbes befreien?

FÜRTH. Die Tür geht auf. Eine zierliche, junge Frau kommt herein. „Ich habe noch zu tun“, weist der Herr mit dem zurückgekämmten Haar und dem Oberlippenbart sie zurück. Doch die Tochter führt dem Vater kurz vor, was sie in einer feinen Nürnberger Parfümerie erstanden hat.

Als sie das Büro wenig später wieder verlässt, schüttelt Gustav Schickedanz den Kopf und schmunzelt. „Meine Tochter hat kein richtiges Verhältnis zum Geld“, klagt er einem Mitarbeiter, mit dem er gerade zusammensitzt. „Wenn sie Madeleine mit zehn D-Mark zum Bäcker schicken, um ein paar Brötchen zu holen, und der sagt 'Stimmt so’, glaubt sie ihm das und verlangt kein Wechselgeld zurück.“

Fürth, Ende der 50er-Jahre. Gustav Schickedanz feiert Erfolge mit seinem Versandhaus Quelle. Und Madeleine, einzige Tochter des Unternehmers aus der Ehe mit Grete Schickedanz, steht kurz vor dem Abitur. Die Anekdote, die ein alter Freund der Familie erzählt, gewinnt mehr als vierzig Jahre später neue Aktualität. Die heute 62-jährige Tochter und Haupterbin des Quelle-Imperiums, das 1999 mit Karstadt fusionierte, steht vor einem Scherbenhaufen: Warenhäuser, Versandhandel – unter dem Strich alles Verlustgeschäfte.

Madeleine Schickedanz versucht zu retten, was zu retten ist: hin- und hergerissen zwischen Tradition und radikalen Veränderungen, zwischen Kampf um das Vermächtnis ihrer Eltern und der Sorge, Millionen zu verlieren. Seit vergangenem Jahr hat sie wohl hauptsächlich über die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim viel Geld aufgenommen, um immer mehr Aktien zu kaufen. Inzwischen hält sie über 58 Prozent an Karstadt-Quelle – das sorgt für Spekulationen.

Hinter den hohen Krediten steckt ein Plan. Wie das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfahren hat, gab es eine mündliche Vereinbarung zwischen Schickedanz und befreundeten Investoren: Karstadt-Quelle soll von der Börse genommen werden, um den Konzern dann schneller sanieren und die Immobilien verwerten zu können. Mit im Boot: Sal. Oppenheim, der mit der Bank verbundene Troisdorfer Bauunternehmer Josef Esch, der das Schickedanz-Vermögen verwaltet, sowie Otto Gellert, der Hamburger Berater der Ex-Tchibo-Eigentümer Günter und Daniela Herz.

Aber der Geheimplan sei gescheitert, ist in den Finanzkreisen zu hören. Der Konzern werde heute an der Börse mit dem 18fachen Ebitda bewertet, also dem Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte. Das sei zwei- bis dreimal so hoch wie im Branchenschnitt. Man hätte also den freien Aktionären einen zwei- bis dreifach höheren Preis als sonst üblich zahlen müssen. Schickedanz und ihre Freunde zweifelten, dass sich dieses Investment rechnen werde.

Doch es gibt einen Plan B: Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff hat die Warenhaus-Immobilien in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Goldman Sachs eingebracht. Mit dem Erlös, rund 4,5 Milliarden Euro, deckt Karstadt-Quelle seine Schulden ab. Gleichzeitig versucht Middelhoff, den Wert der Immobilien durch Aufbau von Premium-Kaufhäusern zu erhöhen – später sollen sie dann teuer verkauft werden. Bei der Hauptversammlung am heutigen Montag in der Düsseldorfer Stadthalle wird die Idee der Premium-Läden wohl heftigst diskutiert werden.

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