Porträt: Pierre de Meuron
Magische Orte

Was ist das Werkzeug eines Architekten? Ein gespitzter Bleistift, klar. Pierre der Meuron trägt einen in der Brusttasche, die Mine zeigt bedrohlich spitz in Richtung Kinn. Was trägt ein Architekt, der Künstler und Geschäftsmann gleichzeitig ist? Einen Anzug, möglichst einen schwarzen, wie Pierre de Meuron.

ZÜRICH. Der Basler Baumeister entspricht so sehr dem Bild des Architekten, dass unwillkürlich die Frage entsteht: Wer prägt hier wen? Ist er in die Rolle geschlüpft, oder ist die Rolle ihm auf den Leib geschrieben?

De Meuron sitzt, den Rücken gebeugt, das schmale Gesicht mit der Hand abgeschirmt, am langen Tisch eines Zürcher Edelhotels und tippt in seinen Laptop. Die Brille mit dem dicken Gestell, die schon etwas schütteren grauen Haare, die lebhaften dunklen Augen, die jetzt aufschauen und im kleinen Saal unruhig mal an diesem Gegenstand, mal an jenem Zuhörer hängen bleiben – der Mann wäre rein äußerlich auch eine gute Besetzung für einen von Woody Allens Stadtneurotikern.

Doch dann steht er auf und erzählt vom neuesten Plan aus dem Hause Herzog de Meuron, dem Architektenbüro aus Basel, das schon lange – für die vergänglichen Moden der Branche erstaunlich lange – in einem Atemzug mit Namen wie Renzo Piano oder Norman Foster genannt wird. Er redet sich warm, was schnell geht, und es wird klar: Dort steht kein selbst verliebter Phantast, sondern ein vielleicht nicht uneitler, aber auf jeden Fall kreativer Kopf, der, auch wenn die Gedanken nur so blitzen, nicht die Wirklichkeit aus den Augen verloren hat.

Nach der Elbphilharmonie mitten im Hamburger Trubel will das Architektenpaar Jacques Herzog und Pierre de Meuron demnächst eine Halle für die Musik mitten in der Einsamkeit bauen: im Jura, das nicht zufällig als „26. Kanton“ in der Schweiz betitelt wird. Damit steht die hügelige Landschaft zwischen Bern und der französischen Grenze ganz am Ende einer Liste der Schweizer Kantone. Hier brausen viele Touristen auf dem Weg in die Hochalpenregionen durch, ohne anzuhalten. Hier hat sich nur ganz wenig Industrie festgesetzt, der Strukturwandel weg von der Landwirtschaft lässt auf sich warten. Die Schweizer neigen dazu, das Dörfliche als Gegenbild zur Globalisierung zu zelebrieren, obwohl die Kühe auf den satten grünen Matten, die solche Illusionen nähren, hoch subventionierte Kühe sind. Das „Auditorium du Jura“ soll den Schweizern Augen und Ohren für eine andere Wirklichkeit öffnen.

De Meuron spricht vom „Bilbao-Effekt“: Niemand hatte Bilbao auf der touristischen Landkarte, bevor Frank O. Gehry dort das Guggenheim-Museum baute. Seither kann kein Kulturreisender nach Spanien fahren, ohne in Bilbao Station zu machen. Einer ganzen Region hat Gehry den Aufschwung gebracht.

De Meuron stammt aus dem Jura, dort wurde er 1950 geboren. Jetzt will er in diesen vergessenen Landstrich zurückkehren und eine Marke setzen. Sein Auditorium ragt einsam in die Landschaft, zum nächsten Dorf sind es zehn Minuten zu Fuß. Die Halle der Musik soll wie eine Pyramide aussehen, die aber nicht auf der Erde, sondern auf drei dicken Füßen steht. Der Orchesterraum liegt unter der Oberfläche wie ein in den Boden eingelassenes Amphitheater. Darüber erstreckt sich das Foyer, dessen gläserne Wände die drei Säulen verbinden, auf denen das pyramidenförmige, von nach außen gewölbten Beulen unterbrochene Holzdach ruht. In dessen Innerem sitzen rundum die Zuschauer.

Als „Projekt mit Herzblut“ bezeichnet Jean Pierre Gobin das Vorhaben. Gobin ist ehemaliger Flughafendirektor von Genf und prominentes Mitglied jener Stiftung, die das Auditorium bauen will und jetzt Investoren sucht, die bereit sind, 15 Millionen Euro aufzubringen. Natürlich helfen klangvolle Namen wie der des Büros Herzog de Meuron dabei. Den Architekten stört das nicht. „Ich bin auch ein Kommunikator“, sagt er.

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