Porträt: Raymond Weil
Nichts für gefräßige Haie

Raymond Weil hat in kurzer Zeit seine Edeluhrenmarke aufgebaut. Das lockt Luxuskonzerne an, jene gefräßigen Haie im Genfer Becken, die schon heute über eine ansehnliche Sammlung edler Marken verfügen. Doch Weil lässt sie abblitzen.

MÜNCHEN. Die „Meistersinger“ warten nicht. Raymond Weil wird noch das karierte Jackett gegen den dunklen Anzug tauschen müssen, um mit der ganzen Familie einen Urlaubsauftakt nach Maß zu genießen: Die Oper in München ist etwas anderes als die in Genf. Dafür fährt der Mann, der seinen Namen jährlich auf 300 000 Uhren der teureren Art prägen lässt, gern vom Genfer See nach Bayern.

Am Tisch sitzt ein freundlicher alter Herr. Einer, von dem die Konkurrenten sagen, dass er oben angekommen ist – und das nach nur drei Jahrzehnten, also praktisch einem Augenzwinkern in einer Branche, die erst die Alten wirklich ernst nimmt. 80 Jahre wird Raymond Weil. Sein Geburtstag im Spätsommer fällt zusammen mit dem 30-jährigen Firmenjubiläum. Gratulieren lässt er sich heute schon, denn „jeder Tag ist ein schöner Tag“, sagt er. „Wenn Sie älter werden, haben Sie Zeit zum Philosophieren“, fügt er hinzu.

Eigentlich wäre sein Betrieb kaum der Rede wert. Nur knapp reiht sich das Unternehmen Weil mit seinen mehr als 80 Mitarbeitern in die Riege der Mittelständler ein.

Der Name jedoch verspricht Glanz. Raymond Weil ergänzt jene überschaubare Mannschaft von Schweizer Uhrenherstellern, die bislang der Versuchung widerstanden haben, ihr Unternehmen, ihr Know-how und vor allem ihren Namen an einen der beiden Luxusgüterkonzerne zu verkaufen, die wie gefräßige Haie im Genfer Becken nach Beute Ausschau halten: Richemont verfügt mit Cartier, IWC oder Vacheron Constantin bereits über eine ansehnliche Sammlung von Luxusmarken. Und Nicolas Hayek, Präsident der Swatch-Gruppe, ist auch nicht zimperlich, wenn es um Akquisitionen geht. Zwischen der sportlichen Omega und der superteuren Breguet würde sich eines der Prachtstücke aus der Manufaktur von Raymond Weil gut machen.

„Natürlich gibt es Offerten“, sagt Oliver Bernheim, „aber die gucken wir uns gar nicht erst an.“ Bernheim ist als Unternehmenschef und Verwaltungsratspräsident Nachfolger von Raymond Weil. Praktischerweise ist er auch dessen Schwiegersohn – eine Entwicklung, die Weil, als sie sich vor knapp einem Vierteljahrhundert anbahnte, mindestens so glücklich machte, wie das betroffene Liebespaar.

„Zu meiner Freude heiratete meine Tochter keinen Tierarzt oder Maler“, stellt der Firmengründer und Inhaber fest, sondern eben jenen Herrn Bernheim, der schon damals Erfahrungen als Marketingmanager für Unilever in Paris gesammelt hatte. Bernheim ist einer wie er geworden. Ein Mann der Uhren.

Schwiegersohn und Unternehmenschef in einer Person gefunden zu haben entband Weil, der zuerst Betriebswirtschaft studierte und als Geschäftsführer in einer Uhrenfirma arbeitete, von der Notwendigkeit, die Firmennachfolge außerhalb der Familie zu regeln. Seine Faszination für die Uhrmacherkunst und das Design konnte er weitergeben: Inzwischen sind die beiden Enkel, Elie (25) und Pierre (23), ins Unternehmen eingestiegen. Dass sie einst ihr Lebenswerk verkaufen, halten die Väter für unwahrscheinlich. „Eher kaufen wir dazu“, sagt Bernheim, und es klingt im feinen Genfer Französisch nicht mal großspurig.

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