Porträt
Vontobel: Der Weise von der Bahnhofstraße

Die Schweiz bleibt attraktiv - auch ohne Bankgeheimnis. Das glaubt zumindest Hans Vontobel, Ehrenpräsident der Privatbank Vontobel. Der Schnelllebigkeit des modernen Bankengeschäfts bietet er bewusst die Stirn. "Wir haben kein vernünftiges Verhältnis zur Zeit mehr", sagt er.

ZÜRICH. Am Ende eines langen Flurs befindet sich die unscheinbare Tür in die Vergangenheit. Man kann nicht einfach hereinspazieren in das 92-jährige Leben von Hans Vontobel. Die Tür öffnet sich erst, nachdem eine moderne Gegensprechanlage den Besucher angekündigt hat. Erst dann darf man eintreten in das "corner office" des Ehrenpräsidenten der Privatbank Vontobel.

Schlagartig lässt man die graue, gläserne Bürowelt des Hauptsitzes an der Züricher Gotthardstrasse hinter sich und taucht ein in eine stilvollere Arbeitswelt. Der Raum mit seinen schweren Gemälden an der Wand, dem geschwungenem Sessel und dem abgewetzten grünen Ledersofa im Zentrum vermittelt ein Gefühl von Bedächtigkeit und steht damit im starken Kontrast zu der glatten, schnelllebigen Atmosphäre der Konzernzentrale.

Der Händedruck des großen alten Mannes der Züricher Bahnhofstrasse ist vorsichtig, nicht zu fest. Seine immer noch jungenhaften Augen verraten aber Neugier. Ein historisches Gespräch soll es werden, über die Krise, die Schweiz und die Banken. Aber Vontobel ist viel zu sehr Zeitgenosse, als dass er sich nicht auch zu brandaktuellen Themen äußern würde.

"Wir müssen akzeptieren, dass andere Länder andere Ansichten haben", sagte der Bankier zum Streit über das Schweizer Bankgeheimnis. Vontobel macht keinen Hehl daraus, dass er das Mauern seiner Eidgenossen für "überzogen" hält. An anderer Stelle ist er weiter gegangen und hat die spitzfindige Unterscheidung von straffreier Steuerhinterziehung und strafbarem Steuerbetrug bereits infrage gestellt als andere noch keinen Jota weichen wollten. Das hat ihm viel Kritik seiner Landsleute eingebracht. Pierre Mirabaud, Präsident der mächtigen Bankiervereinigung, rückte ihn in die Nähe von Landesverrätern. Seit wenigen Tagen sind auch Regierung und Bankiervereinigung auf die Linie Vontobels eingeschwenkt und wollen künftig in beiden Fällen Amtshilfe ans Ausland leisten.

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