Portrait: Helmut Perlet
Der Teilchenbeschleuniger

Allianz-Manager Helmut Perlet gilt gemeinhin als einflussreicher Pfennigfuchser, als Herr über einen der scheinbar verwirrendsten Zahlenkomplexe, die die Welt der Unternehmen hier zu Lande zu bieten hat. Wie der Chefcontroller die Zahlen von 1 200 im größten Versicherungskonzern Europas managt.

MÜNCHEN. Die Quartalskonferenzen der Münchener Allianz sind auch akustisch immer wieder ein Ereignis; und zwar immer dann, wenn der Chefcontroller das Mikrofon ergreift. Helmut Perlet, gebürtiger Bayer, bekennender Bayer. Wer ihn reden hört, der weiß, dass Globalisierung und Regionalisierung nicht unbedingt ein Gegensatz sein müssen. Die deutsche Sprache verdankt dem Mann aus Planegg bei München so eindrucksvolle benglische Satzschöpfungen wie: „Wir micromanagen die Companies jo net.“

Doch Spaß beiseite. Gemeinhin gilt Perlet als einflussreicher Pfennigfuchser, als Herr über einen der scheinbar verwirrendsten Zahlenkomplexe, die die Welt der Unternehmen hier zu Lande zu bieten hat. Etwa 1 200 „Companies“ sind weltweit unter dem Dach der Allianz versammelt und konsolidiert.

Am Anfang eines jeden neuen Monats hat Perlet die Gewinn- und Verlustrechnung seiner „Flagship-Companies“ auf dem Tisch. Das funktioniert, vor allem dank SAP-Software und einer einheitlichen Berichtssprache, die unter Perlet Einzug gehalten hat. „Jeder hier muss wissen, was er delivert.“ Diese Worte gelten, ob in Kolumbien, Paris oder München-Neuperlach. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Allianz historisch gesehen ein rechtes Zwitterwesen ist, ein halb bayerisches, halb preußisches Unternehmen. Ihre Zentrale lag lange Zeit in Berlin. Preußisches hat den Habitus der Unternehmensführung lange Zeit geprägt. Allerdings sagt man den bayerischen Beamten nach, dass sie die letzten wahren Preußen sind. Jedenfalls muss mehr als Zufall dahinter stecken, dass Helmut Perlet, bevor er zu der inzwischen nach München verlegten Zentrale der Allianz stieß, seine berufliche Zukunft 1971 ausgerechnet beim Finanzamt München begonnen hat.

Wenn Perlet öffentlich grantelt, dann wird es ernst

Der Controller an sich gilt gemeinhin als blass, in der Regel trägt er Brille und dazu einen dunkelgrauem Anzug. Helmut Perlet wirkt drahtig, eine Sehhilfe trägt er nur im Ausnahmefall. Er liebt farbige Hemden mit uni Krawatten. Er sieht aus wie ein Charakterdarsteller, schaut gelegentlich etwas verknittert aus, raucht Philip Morris und treibt am Wochenende trotzdem Sport: Tennis, Laufen, Skifahren. Bei Terminen in der Öffentlichkeit hält er sich im Allgemeinen zurück. Das muss mit seinem Rollenverständnis zu tun haben. Doch wehe, er erhebt den Blick einmal von den Zahlen – und das Lächeln vergeht. Wenn er öffentlich grantelt, dann wird es ernst. Bei der letzten Jahrespressekonferenz reichte nur ein Perlet-Satz, um in Frankfurt, bei der Tochter Dresdner Bank, hellste Aufregung zu erzeugen: „Eine Steigerung der Effektivität und Produktivität ist dringend erforderlich“. Tags darauf war das die Meldung des Tages, nicht die Milliardengewinne des Mutterkonzerns.

Dass Perlet dann wieder ebenso elegant im Hintergrund verschwindet, hat freilich nicht nur mit dem Zuschnitt seines Jobs und seiner Zurückhaltung zu tun. Die Allianz leistet sich mit dem Österreicher Paul Achleitner einen Finanzvorstand, der eine ebenfalls mit Anglizismen gespickte Sprache bajuwarischen Ursprungs spricht und außerdem für Finanzen im Allgemeinen und Mergers and Acquisitions zuständig ist. Perlet anderseits ist für Controlling, das Risk Management und das Reporting verantwortlich und tritt deshalb gegenüber der US-Börsenaufsicht stets als „Chief Financial Officer“ (CFO) auf, was nicht nur unter Journalisten gerne für Verwirrung sorgt.

Seite 1:

Der Teilchenbeschleuniger

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%