Portrait
Kein bisschen grün

Der neue Lufthansa-Finanzvorstand Stephan Gemkow dürfte nach einem steilen Aufstieg nicht der Mann für scharfe Kurskorrekturen sein.

FRANKFURT. Dunkelblondes Haar, eine unauffällige, brave Frisur und ein fast bubenhaftes Lächeln, das an erste Bewerbungsfotos nach der Studentenzeit erinnert. Auf den wenigen Firmenfotos, die es von Stephan Gemkow bisher gibt, ist ein netter Finanzmann zu vermuten, ein Aktenfresser womöglich.

Wer in seiner Miene die Durchschlagskraft eines Dax-Vorstands vermisst, wird spätestens beim Händedruck eines Besseren belehrt. Da packt er zu, als wolle er mit dieser einen Geste die ganze Dynamik zeigen, mit der er den Lufthansa-Konzern auf Erfolgskurs halten will.

Das wird nicht einfach, hat ihm sein Vorgänger und großer Förderer Karl-Ludwig Kley gestern höchst öffentlich ins Stammbuch geschrieben: „An nur einen Tag des Stillstands oder des ruhigen Durchatmens in den letzten achteinhalb Jahren kann ich mich nicht erinnern.“

Terror, Naturkatastrophen, Kriegsgeschrei, Vogelgrippe: Kaum eine andere Branche ist derart anfällig für exogene Schocks wie die Luftfahrt. Kley hat die Krisen ausgehalten und aus Sicht des Lufthansa-Konzerns geglättet: Aus vier Milliarden Euro Schulden sind innerhalb weniger Jahre vier Milliarden Euro Cash geworden.

Und nun übernimmt Gemkow. Auf der gestrigen Bilanz-Pressekonferenz wird er der Öffentlichkeit noch vorenthalten, weil Kley offiziell bis Ende Mai im Amt bleibt. Deshalb gibt es wieder nur ein Foto von ihm, diesmal immerhin auf Großbildleinwand. Natürlich leuchtet er da im dunklen Anzug auf, hellblaues Hemd, Krawatte. Und – natürlich – er lächelt. Schließlich ist er jetzt oben gelandet. Fast schon ganz oben. Finanzvorstand. Mit 46.

Das will etwas heißen bei einem in die Hierarchie verliebten Konzern, der seine wichtigsten Positionen in aller Regel mit routinierten Managern besetzt, die sich über Jahrzehnte von weit unten nach ganz oben gedient haben. Treu natürlich und ohne Seitensprung.

Konzernchef Wolfgang Mayrhuber ist so einer: Lufthansa-Pilot wollte er einst werden, doch es gab keine Stelle für ihn. Also wurde er Techniker. 1970, als Gemkow noch die Grundschule besucht, steigt Mayrhuber als Ingenieur der Triebwerkswartung bei Lufthansa ein. Er empfiehlt sich in einem Sanierungsteam, wird 1994 Chef der Lufthansa Technik AG und rückt im Windschatten seines Förderers Jürgen Weber in den Konzernvorstand auf. Im Juni 2003 darf er schließlich Webers Nachfolge als Konzernchef antreten. Dafür brauchte er 33 Jahre Lufthansa.

Gemkow kommt da im Vergleich mit Schallgeschwindigkeit geflogen. Freilich, auch er muss die Ochsentour gehen. Nach seinem Karrierestart als Unternehmensberater stößt er 1990 zum Konzern und wird in der Kaderschmiede frühzeitig zum Führungsnachwuchs gezählt – beste Förderung inklusive. Er sammelt Erfahrungen im operativen Geschäft, geht Mitte der 90er für vier Jahre in die USA und heftet sich dann an die Fersen von Finanzvorstand Kley. Der ernennt ihn in Köln zum Leiter Investor Relations und später zum Leiter Konzernfinanzen.

2004, als die sonst so solide Fracht-Tochter Lufthansa Cargo in eine tiefe Krise rutscht, wird Gemkow zum Sanieren nach Frankfurt geschickt. In die Planungen seiner Familie, die gerade erst ein Haus in Köln fertig gebaut hat, passt das nicht. Obwohl die Entfernung Bahnpendler nicht schrecken kann, sucht sich der Vater von zwei Kindern eine Wohnung in Frankfurt und vertieft sich in die Aufgabe Lufthansa Cargo. Bisher war er in erster Linie Finanzmann, jetzt übernimmt er zusätzlich die Rolle des Personalvorstands.

„Wir machen uns Sorgen um dieses Unternehmen“, sagt er Mitarbeitern klipp und klar. Zehn Prozent der Stellen müssen abgebaut, der Betriebsrat überzeugt werden: „Create Future“ heißt sein Programm. Er setzt ein Qualifizierungsprogramm auf und bringt von 480 überzähligen Mitarbeitern mehr als 450 anderweitig im Konzern unter. Der junge Aufsteiger, der bei seinen Förderern bereits durch hohe Analysekraft und enormes Detailwissen auffiel, verschafft sich damit Respekt auch in der Belegschaft. Bei Lufthansa Cargo saniert er kommunikationsstark nach innen, nahezu geräuschlos nach außen.

Weil der leidenschaftliche Skifahrer in 16 Lufthansa-Jahren bereits so viele verschiedene Geschäftsbereiche durchlaufen hat, gilt Gemkow innerhalb des gesamten Konzerns als bestens vernetzt und entsprechend informiert. „Bestbesetzung!“ schallt es jetzt aus vielen Ecken, wo vor wenigen Tagen noch die Frage in den Raum gestellt wurde: „Ist dieser Mann nicht noch ein bisschen grün?“ Jahrgang 1960 und Lufthansa-Konzernvorstand – das ist ein Spannungsfaktor, der vor allem eines bringen wird: frischen Wind im besten Sinne.

Die Kunst der Selbstdarstellung hat Gemkow bisher anderen überlassen. Abgesehen von einem sportlichen silbernen Mercedes stellt er seinen steilen Karriereaufstieg nicht zur Schau: Das Büro bei Lufthansa Cargo ist nüchtern eingerichtet, moderne Kunst wird man dort vergebens suchen. Bilder von Cockpit-Armaturen und Turbinen hinter seinem Schreibtisch sowie diverse Flugzeugmodelle zeugen davon, dass da einer Kerosin ins Blut hat laufen lassen – eine Leidenschaft, die bei Lufthansa fast als Einstellungsvoraussetzung gilt.

Gemkows Vorgänger Kley, ein Gesundheitsexperte aus dem Hause Bayer, hat den Sprung zum Lufthansa-Finanzchef auch ohne allzu große Nähe zu Triebwerken und deren Funktionsweise geschafft. Kleys Aufstieg zur Nummer eins bei Lufthansa soll aber auch daran gescheitert sein, dass er als externer Kandidat weniger Kerosingeruch hatte als Ingenieur Mayrhuber.

Die Leidenschaft für Zahlen und Risikovorsorge teilt Kley mit seinem Intimus Gemkow. So soll der konsequente Schuldenabbau, für den Lufthansa in der Branche und neuerdings auch am Kapitalmarkt beklatscht wird, auch Gemkows Handschrift tragen. Er kommt aus dem Risikomanagement und findet das chronisch margenschwache Luftfahrtgeschäft schon verwegen genug, als dass es noch zusätzlicher Risiken bedürfe. „Hauruck-Aktionen sind deshalb nicht zu erwarten. Es wird im positiven Sinne ein Kley II“, sagt einer, der Gemkow über die Jahre begleitet hat.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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