Portrait
Vispiron-Chef Amir Roughani: Flucht nach oben

Als Flüchtling kommt Amir Roughani nach Deutschland – elf Jahre jung, allein, ohne Sprachkenntnisse. Für ihn gibt es nur eine Richtung: nach oben. Der Iraner lernt Deutsch, Kegeln, studiert, macht sich selbstständig und schafft Jobs.

Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter sein können: Als 2002 sein Unternehmen gründen will, ist die Dotcom-Blase gerade geplatzt. Ausgerechnet IT-Dienstleistungen sollten es sein, nicht gerade eine Marktlücke damals. „Ich hatte keine Geschichte, war 27, und brauchte 100 000 Euro“, sagt Roughani. Die Banken, die er ansprach, gaben ihm eine Absage nach der anderen. „Eine Finanzierungsverstopfung“ nennt er das heute. Geschafft hat er es trotzdem. Wie so ziemlich alles, was er bisher erreichen wollte.

Im Wohnzimmer seiner kleinen Münchener Wohnung ging es los, nur mit Telefon und Computer. Das Geld hatte er sich schließlich privat geliehen. Hinzu kam die Abfindung vom Medienkonzern Kirch, bei dem der Wirtschaftsingenieur seine erste Stelle angetreten hatte und der kurz vorher pleitegegangen war. „Nach sechs Monaten hatte ich den ersten festen Mitarbeiter“, sagt Roughani. Im ersten Jahr machen sie 40 000 Euro Umsatz, immerhin.

Heute, sieben Jahre später, ist er Geschäftsführer der Vispiron AG, einem Technologie-Unternehmen mit 230 Mitarbeitern, das vornehmlich Mess- und Updategeräte für Autos entwickelt und testet. Im Jahr 2008 hat er den Umsatz um 20 Prozent auf knapp 20 Millionen Euro gesteigert. Für das laufende Jahr sind die Erwartungen zwar verhaltener, Roughani erwartet eine Stagnation, doch mit Krisen klarzukommen hat er gelernt. Der junge Mann mit den dichten, dunklen Augenbrauen und dem kahlgeschorenen Kopf ist nicht nur ein erfolgreicher Jungunternehmer, sondern auch die personifizierte Integration. Er vereint Widersprüche und Vielfalt: So hat er in der Bundesliga gekegelt und spielt jetzt lieber Golf, hat in Berlin-Neukölln gelebt und wohnt heute in München, ist Mitglied in der FDP und zugleich ein Arbeiterfreund.

Erst elf Jahre alt war er, als er mit einer Reisetasche und 100 Mark in Deutschland ankam. Das war 1987. Die Eltern waren im Iran geblieben, trotz des ersten Golfkriegs. Aber ihre Kinder sollten sicherer leben und vor allem studieren können. Die Schwester landete in Schweden, Roughanis älteren Bruder Sharam hatten sie schon ein Jahr vorher nach Berlin geschickt. Er holte Amir, der weinte und kein Wort Deutsch sprach, vom Flughafen ab. Zusammen fuhren sie nach Neukölln ins Heim, wo sie die nächsten Jahre lebten. „Ich bin ziemlich weit unten in der Gesellschaft gelandet“, sagt der 34-Jährige über seine ersten Jahre in Deutschland. Man kann es sich kaum vorstellen, so wie er da heute sitzt, in seinem Anzug, in seinem eigenen Unternehmen. Den Erfolg hat er sich hart erarbeitet.

Im Kinder- und Jugendhilfezentrum in Neukölln erinnert sich Carmen Kühme an Roughanis Jugend. Sie war neun Jahre lang seine Erzieherin, die deutsche Ersatz-Mama. Obwohl Roughani am Anfang verunsichert war, habe er sich „recht gut eingefummelt“. Schnell hatte er seinen eigenen Kopf, hat sich mit dem Bruder gestritten, wollte sich behaupten. „Das Konkurrenzdenken war damals schon da“, sagt Kühme. Als Sharam, der Ältere, später anfängt zu studieren, wetten die Brüder. Wetten, wer als Erster ein höheres Gehalt oder eine höhere Position haben wird. Amir gewinnt: Sein großer Bruder ist heute sein Mitarbeiter.

Obwohl Roughani schon lange Deutscher ist, prägt ihn seine iranische Herkunft bis heute. Er ist ehrgeizig, er war es schon immer: „Die Erwartungshaltung aus der Familie ist extrem hoch.“ Je erfolgreicher, je machtvoller, je verantwortungsvoller einer ist, umso mehr werde er im Iran geschätzt. „Einer, der im Berufsleben nicht viel erreicht, ist sehr out.“ Die Mentalität sage einem immer: „Du musst, du musst, du musst.“ Ob er studiert oder nicht, stand deshalb nie zur Debatte. Es war nur die Frage, wie er es bis dahin schafft. Seine Eltern hatten zwar beide nicht studiert, ihre Kinder sollten es im Ausland aber bis an die Uni schaffen.

Sein Weg nach oben beginnt ziemlich weit unten, an der Hauptschule. „Nach dem ersten Monat in der Ausländerklasse konnte ich besser Türkisch als Deutsch“, erzählt er und lacht. Er wechselt in eine deutsche Klasse. Berlin ist damals ein Auffangbecken für Asylbewerber aus dem Libanon-Krieg. Viele Kinder waren schwer traumatisiert, konnten ihre Probleme nur mit den Fäusten lösen. Neukölln war ein noch raueres Umfeld als heute. „Man braucht eine Kämpfernatur, viel Geduld, und muss bereit sein, Umwege zu gehen“, beschreibt Amir Roughani diese Zeit. Nur das Ziel vor Augen müsse immer klar sein, zu dem gebe es keine Alternative.

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