Präsident regiert noch bis 2007
Die Pleiten und Pannen des Jacques Chirac

Heute ist es wieder so weit. Die Soldaten haben die Stiefel gewichst und die Säbel poliert, um ihm auf dem Place de la Concorde zu salutieren. Die Mirage-Kampfjets sprühen blau-weiß-roten Qualm über die Champs-Elysées, um ihm zu huldigen.

PARIS. Tausende Gäste lädt er zu sich nach Hause zur Gartenparty, wo sie ihm mit Champagnergläsern zuklimpern. Mittags empfängt er zwei Journalisten im ersten Stock des Elysée-Palastes und erklärt ihnen und seinen Landsleuten live die Welt. Zwei Mal noch, heute und nächstes Jahr, darf Jacques Chirac die Hauptrolle spielen am größten Tag, den es für einen französischen Präsidenten gibt. Der 14. Juli, der Sturm auf die Bastille, der Beginn der Revolution 1789, die das Volk an die Macht und das "Ancien Régime" mit seinen selbstverliebten Herrschern aufs Schafott brachte.

Heute ist es Chirac, der das Alte, das Überholte verkörpert. Im Frühjahr 2007 wird erst sein Nachfolger gewählt. Doch schon jetzt ist klar: Chiracs Jahrzehnt an Frankreichs Spitze war ein Fehlschlag. Und nicht nur das: Die zahlreichen Pleiten des 70-Jährigen haben sein Land tief verunsichert. Frankreich droht in kollektiver Depression zu versinken.

Mit einem Sieg über London im Rennen um Olympia 2012 wollte Chirac, der von 1977 bis 1995 als Bürgermeister Paris wie ein Fürstentum regierte, vor einer Woche den Trend noch einmal wenden und seiner Amtszeit wenigstens ein Denkmal schaffen. Auch daraus wurde nichts.

Das Modell Frankreich hat seine Anziehungskraft verloren. "Das Land hegt existenzielle Zweifel", findet Pascal Boniface, Leiter des Instituts für internationale und strategische Beziehungen in Paris.

Kein Politiker verkörpert dieses Modell mehr als Chirac. Seit über 40 Jahren logiert er in Dienstwohnungen: als Abgeordneter, Minister, Premier, schließlich seit 1995 als Präsident und Nachfolger von François Mitterrand. "Man kann Parallelen sehen zwischen dem Niedergang Frankreichs und dem von Präsident Chirac", sagt Michaël Cheylan vom Think-Tank Institute Montaigne.

Anno 1995 versprach Chirac, die "fracture sociale", die soziale Kluft im Land, zu schließen. Heute ist das Land tiefer gespalten denn je. Beispiel Arbeitsmarkt: Mit 26,4 Prozent hat Frankreich im europäischen Vergleich eine der niedrigsten Beschäftigungsquoten unter jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Und unter den älteren sieht es nicht viel besser aus: nur 40,6 Prozent der 55- bis 64-Jährigen haben noch einen Job. Nachdem die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich von fast 13 auf 8,5 Prozent gesunken ist, liegt sie nun wieder bei über zehn Prozent.

Beispiel Integration: Auch Einheimische und die 3,2 Millionen Zuwanderer sind einander ferner denn je. Längst vergessen ist der Juli 1998, als Frankreich im eigenen Land Fußballweltmeister wurde mit einer nach Hautfarben bunt gemischten Truppe um Superstar Zinedine Zidane, einen Sohn algerischer Einwanderer. Der Traum der Revolutionäre von 1789 einer klassenlosen Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle schien erreicht. Aber schon fünf Jahre später pfiffen algerischstämmige Franzosen im Stade de France von Paris, dem Ort des WM-Triumphs, die Marseillaise aus - im Beisein Chiracs.

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