Problemlösungen: Chefs ziehen den Publikumsjoker

Problemlösungen
Chefs ziehen den Publikumsjoker

Starre Hierarchien tagen nicht, um komplexe Probleme zu lösen. Wer stark vernetzt arbeitet wirtschaftet in der Regel erfolgreicher. Doch dafür müssen alle Beteiligten in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Auch die Meinung von Mitarbeitern und Kunden ist gefragt.
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DÜSSELDORF. Wenn Wissen Macht bedeutet, dann ist Frank Roebers nicht länger die alleinige Nummer eins in seinem Betrieb. Denn was der Vorstandsvorsitzende des Bielefelder IT-Unternehmens Synaxon weiß, das wissen auch seine Mitarbeiter. Vor vier Jahren stellte der 42-Jährige eine offene Plattform ins Internet, die nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Von der Stellenausschreibung bis zum Finanzplan können Mitarbeiter fast alle Dokumente des Unternehmens lesen und bearbeiten. 43 000 Seiten umfasst das Synaxon-Gehirn mittlerweile. Tabu sind lediglich die Gehaltslisten. Die Offenheit zahlt sich aus: "Wir arbeiten heute viel schneller und effektiver als früher", sagt Roebers. Über die firmeneigene Wikipedia klinken sich von der Entwicklungsabteilung bis zur Buchhaltung viele der 140 Mitarbeiter mit ihren Ideen regelmäßig in die Geschäftsabläufe ein. Die Wege werden dadurch kürzer, Entscheidungen fallen schneller.

Derzeit bemüht sich Synaxon, den Preisrückgang im wichtigen Hardware-Bereich durch neue Geschäftsfelder aufzufangen. "Wenn wir unser Wiki nicht hätten, würden wir nicht so gut vorankommen", sagt Roebers. Die Plattform ist für Synaxon weit mehr als bloß ein weiteres Mittel für die interne Kommunikation: Dass sich alle Mitarbeiter gleichermaßen einbringen können, steht für eine völlig neue Art der Unternehmensführung. Lange Zeit verpassten sich Firmen vorzugsweise eine straffe Hierarchie mit klaren Zuständigkeiten. Experten bezweifeln aber, dass diese feste Struktur auch komplexen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der globalen Finanzkrise gerecht wird. "Das Arbeiten in Netzwerken erhöht die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs", sagt Walter Hagemeier, Geschäftsführer für den Bereich Management Consulting im Beratungsunternehmen Accenture.

Wenn sich Menschen in einem vernetzten Unternehmen austauschen, entsteht ein Wissensschatz, der größer ist, als die Summe seiner Teile. Schwarmintelligenz heißt das Phänomen in der Forschung, Publikumsjoker sagt man dazu beim Fernseh-Quiz. Für Entwicklungsabteilungen bedeutet das: Was sie selbst nicht wissen, wissen bestimmt andere. "Der Kunde ist der Experte für die Lebenswelt und der Ingenieur der Experte für die Konstruktion", sagt Peter Kruse, Honorarprofessor für Organisationspsychologie an der Universität Bremen. "Wenn Unternehmen beide vernetzen, haben sie die Chance, etwas Neues zu schaffen."

Das schweizerische Unternehmen Actelion hat damit großen Erfolg. Mitte der 90er-Jahre lösten sich vier führende Entwickler vom Pharmagiganten Roche. Der Konzern hatte das Interesse an einem von Actelion erforschten Medikament verloren, als sich herausstellte, dass es im Kampf gegen Bluthochdruck nicht tauglich war. "Die Entwickler haben darin trotzdem eine Chance gesehen", sagt Deutschlandchef Michael Danzl. Durch Zufall stießen sie darauf, dass es gegen Lungenhochdruck hilft, eine seltene und tödlich verlaufende Erkrankung.

Seitdem hat sich das Unternehmen auf solche exotischen Krankheiten spezialisiert und beschäftigt mittlerweile rund 2 300 Mitarbeiter in über 25 Ländern. Jedes Jahr wächst es um bis zu 20 Prozent - unter anderem dank seiner flachen Hierarchie und der starken Vernetzung. "Wir suchen bei der Entwicklung neuer Medikamente den engen Austausch mit den Ärzten und Kliniken", sagt Danzl. Für jedes Medikament gibt es neue Projektteams, die mit Forschern des Unternehmens und Medizinern besetzt sind. "Gerade bei den seltenen Erkrankungen ist es wichtig, die richtigen Ärzte und Patienten zu erreichen", sagt Danzl. So profitiere Actelion vom Wissen der Mediziner und die wiederum von den Erkenntnissen des Pharmaproduzenten. "Unternehmen bekommen eine Menge zurück, wenn sie bereit sind, zu geben", sagt Organisationsforscher Kruse.

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