Prof. Dr. Dieter Lenzen ist Präsident der Freien Universität Berlin und Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt „Philosophie der Erziehung“.
Dieter Lenzen: Übertragbar auf viele Berufe

Heute benötigen wir mehr denn je solche Riten, wenn wir vermeiden wollen, dass Indifferenz, Verantwortungslosigkeit, Pflichtwidrigkeit und Ignoranz zum Standardverhalten vieler Gesellschaftsteilnehmer werden, glaubt der Präsident der Freien Universität Berlin.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich halte die Einführung eines hippokratischen Eides für die Absolventen von betriebswirtschaftlichen Studiengängen für einen guten Gedanken, aber nicht nur für diese.

Welches war der historische Sinn eines hippokratischen Eides?

Eine Gesellschaft verpflichtet per Schwur Menschen auf bestimmte Verhaltensweisen, wenn sie die Befürchtung hegt, dass Menschen ihr Wissen und ihre Kompetenz missbrauchen könnten. Diese Befürchtung hegt sie besonders dann, wenn ein Beruf überkomplex und damit unübersichtlich geworden ist. Sie tut es besonders dann auch, wenn die Umgehensweise einzelner Berufsvertreter mit ihrem Wissen und ihrer Fähigkeit zum Schaden ihrer Kunden wurde.

Bei den Ärzten in der griechischen Antike war genau dieses der Fall. Sie experimentierten, nicht nur fahrlässig oder gar böswillig, sondern naiv mit Substanzen und Manipulationen, die auf dem damaligen Stand des Wissens für manchen Patienten lebensgefährlich waren. Folglich lag der Verdacht nahe, dass unlautere Motive die ärztliche Verhaltensweise beeinflussen könnten und dass diese, womöglich als korrupte Verfolger fremder Interessen ihr Wissen dazu nutzen könnten, unbequeme Gesellschaftsmitglieder ins Jenseits zu befördern.

Der Eid war natürlich nie geeignet, den Vorsatz zu solchen illegalen Handlungen zu verhindern, wohl aber ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass schon Fahrlässigkeit fatale Folgen haben kann und so weit wie möglich unterbunden werden muss. Gleichzeitig definiert der Eid den Beginn einer Berufstätigkeit, die von dem Besitz einer „Stelle“ ganz unabhängig ist. Arzt ist, wer eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, zu jedem Zeitpunkt seines künftigen Lebens darf er als solcher handeln.

Der Eid hat, anthropologisch gesehen, also die Funktion eines Transitionsritus. Der Nicht-Arzt wird zu einem Arzt gemacht. Von diesem Zeitpunkt an ist er ein Anderer. Er hat ein anderes Verhältnis zum Leben seiner Mitmenschen und ein (hoffentlich) gefestigtes Pflichtbewusstsein.

Heute benötigen wir mehr denn je solche Überführungsriten, wenn wir vermeiden wollen, dass Indifferenz, Verantwortungslosigkeit, Pflichtwidrigkeit und Ignoranz (weiter) zum Standardverhalten vieler Gesellschaftsteilnehmer werden. Dieses gilt für Lehrer(innen), wenn ihnen das Schicksal der nachwachsenden Generation gleichgültig ist (PISA hat es gezeigt), dieses gilt für Juristen, damit sie ihre Aufgabe in der Schlichtung, nicht in der Entfachung von Streit sehen, dieses gilt für Molekulargenetiker, für Psychotherapeuten, für Tragwerksingenieure, für Elektriker, Bauarbeiter, Steuerberater und natürlich auch für künftige Manager.

Unsere Gesellschaft ist funktional hochausdifferenziert, hyperkomplex und unübersichtlich, so dass die Folgen des Handelns in vielen Berufen gravierender sind als noch vor hundert Jahren. Gleichzeitig sind die zurückliegenden 35 Jahre durch eine Erosion des Egoismus, Hedonismus und des Anspruchsdenkens gekennzeichnet, die in der durchgreifenden Abschaffung ritueller Handlungen in den 70er Jahren durchaus ihre Entsprechung fand.

Fazit: (Nicht nur) Hochschulabsolventen sind in feierlichen Zeremonien zu verabschieden und auf ihr zukünftiges Verhalten zu verpflichten. Dazu müssen sie während ihrer Hochschulausbildung gelernt haben, wie man sich verantwortlich verhält. Das bedeutet, dass Persönlichkeitserziehung durch Vorbild und Wissenschaft durchaus Aufgaben der Hochschule sind. Ohne Begleitmaßnahmen werden solche Selbst- und Fremdverpflichtungen allerdings nur begrenzt wirksam sein. Wir benötigen auch eine Kultur des Hinschauens im Gegensatz zum standesgemäßen Wegsehen (eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus), und wir benötigen eine Öffentlichkeit für Fehlverhalten und dessen Diskriminierung.

Also: Mehr Verbindlichkeit statt Indifferenz.

Prof. Dr. Dieter Lenzen ist Präsident der Freien Universität Berlin und Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt „Philosophie der Erziehung“.

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