Prof. Dr. Herwig Haase ist Rektor der ESCP-EAP Berlin
Herwig Haase: Regelverstöße sind kein Kavaliersdelikt

Deregulierung erscheint dem Rektor der ESCP-EAP Berlin eher ein Gebot der Stunde als die Setzung neuer Regeln. Er setzt eher darauf, Bewusstsein und damit einen Prozess des Nachdenkens in der Öffentlichkeit zu schaffen.

Einführend schlage ich vor, diese Diskussion unter einen neuen Begriff zu stellen, z.B. „Ehrenkodex“. Denn ich hege das subjektive Vorurteil, dass eine historische Effizienzprüfung gerade dieses Eides – nicht nur in totalitären Systemen, sondern auch aus aktuellen Anlässen – uns wenig Erfreuliches bieten dürfte.

Ich bin nicht nur in Grundsatzfragen für klare Prinzipien, Glaubwürdigkeit und Transparenz. Somit scheint mir Deregulierung eher ein Gebot der Stunde als die Setzung neuer Regeln, deren Sanktionsmechanismus unklar bleibt. Denn die Reihe offensichtlich – sonst müssten wir nicht über dieses Thema diskutieren – unwirksamer Kodizes ist lang.

Zum einen verfügt jedes Unternehmen über klare Ziele, festgelegt in Leitsätzen (Unternehmensphilosophie). Zweitens sind auf globaler (OECD), regionaler (EU) und nationaler Ebene Prinzipien der Corporate Governance vereinbart. Und drittens schließlich existieren zahlreiche Einzelmaßnahmen – wie z.B. der Eid auf die Bilanz -, wodurch das Fehlverhalten kaum geringer, wohl aber die (straf-) rechtliche Beurteilung leichter werden mag.

Im übrigen erscheint es zu kurz gegriffen, Habgier allein auf die Wirtschaft bzw. die „Ökonomie der Habgier“ nur auf Manager und Unternehmen zu begrenzen: Die Anreiz- und Motivationssysteme dürften einen Teil der „Fehlallokationen“ begünstigen, aber doch wohl nicht kriminelle Handlungen erklären. Vielmehr deutet eine bewusste Verletzung tradierter Werte auf tiefgreifende Symptome einer Gesellschaftskrise. Hier sei nur darauf aufmerksam gemacht, dass in offiziellen Befragungen über Aktivitäten in der boomenden Schattenwirtschaft heute bereitwillig berichtet wird.

Was also bleibt zu tun? Bewusstsein und damit einen Prozess des Nachdenkens in der Öffentlichkeit schaffen – deshalb ist dieser Meinungsaustausch richtig. Die Verletzung bestehender Regeln nicht als „Kavaliersdelikt“ hinnehmen, sondern mit glaubwürdigen Sanktionen belegen und diese auch durchsetzen. Das beginnt im eigenen Verantwortungsbereich: Deshalb hat die ESCP-EAP Europäische Wirtschaftshochschule Berlin „Regeln ... für das Verfahren bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten“ erlassen, die für alle Mitglieder dieser Universität gelten und mit den Studenten diskutiert werden. Ein transparentes Verfahren, an dessen Ende nicht nur der Ausschluss aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft droht. Lebten wir doch im Goldenen Zeitalter des Römers Ovid!

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