Prof. Dr. Thomas Heimer ist Geschäftsführender Dekan der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt/Main
Thomas Heimer: „Der Markt ist das effizientere Instrument"

Der Dekan des Instituto de Empresas, Angel Canbrera, und einige seiner Kollegen fordern die Einführung eines Hippokratischen Eids für Manager. Sie begründen dies damit, dass Manager einen Berufsstand vergleichbar zu Ärzten bildeten und ein entsprechender Ehrenkodex dazu beitragen würde, die gesellschaftliche Wohlfahrt zu steigern. An dieser Argumentation sind durchaus Zweifel angebracht.

Der Eid des Hippokrates ist aus der speziellen Tradition der medizinischen Berufsentwicklung entstanden und beinhaltet im Kern vier Elemente:

  1. Nach dem Eid soll die Ausbildung der Mediziner in einer Denkschule erfolgen, die dem Lernenden auferlegt, sein Wissen unentgeltlich weiterzugeben an die heutigen und zukünftigen Mitglieder der Schule. Es legt die Mediziner auf das Ziel der Rettung von Leben fest. Alle Handlungen, selbst auf Begehren des Patienten, die diesem Ziel widersprechen, sind zu unterlassen.

  2. Es regelt die Aufgabenteilung zwischen unterschiedlichen medizinischen Berufsgruppen.

  3. Es führt die Schweigepflicht für Mediziner ein, vergleichbar mit den Pflichten in der Seelsorge.

  4. Der Hippokratische Eid stellt so ein normatives Regelwerk dar. Ihm unterwerfen sich die Mediziner und es beeinflusst ihre Handlungen direkt.

Heute sind primär die normativen Regeln 2, 3 und 4 bestimmend für die Mediziner. Die Diskussionen um die passive Sterbehilfe belegen dies ebenso wie die Debatte um die im Eid des Hippokrates verbotene Abtreibungspraxis, die in den westlichen Gesellschaften seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgeweicht wurde.

Canbrera und seine Kollegen argumentieren bei der Übertragung des Hippokratischen Eids auf die Managementausbildung in zwei Schritten. Zum einen stellen sie die These auf, dass Manager einem Berufsstand bildeten. Zum anderen argumentieren sie, dass dieser vermeintliche Berufsstand eines normativen Regelwerkes bedürfe analog zu dem der Mediziner.

Sind Manager aber überhaupt als Berufsstand aufzufassen? Unter Managern werden Personen verstanden, die in eigenem Auftrag oder im Auftrag Dritter die Leitung, Steuerung und Kontrolle von Organisationen und in ihnen tätigen Menschen wahrnehmen. In ihren Funktionsbezeichnungen handelt es sich um Unternehmer, Geschäftsführer, Vorstände, Abteilungsleiter, Teamleiter, et cetera. Es ist wohl unstrittig - und hier stimme ich mit Canbrera überein -, dass es die Aufgabe dieser Personengruppen in marktwirtschaftlichen Systemen ist, die wirtschaftliche Situation ihrer Organisation zu optimieren. Diese Aufgabe erfüllen sie, wenn sie dem Ziel genügen, den individuellen Reichtum (shareholder value) ihrer Organisation zu steigern. Dass dies eine Kunst ist, die einer guten Ausbildung bedarf, ist dabei - und auch hier stimme ich mit Canbrera überein - unstrittig. So manche Schieflage eines Unternehmens ist durch falsche Managemententscheidungen und falsches Managementhandeln entstanden. Ebenfalls unstrittig ist, dass die Aufgaben von Managern im höchsten Maße komplex und vielfach von Unsicherheit über die Zukunft geprägt sind.

Dies macht einen Beruf aber noch nicht zu einem Berufsstand. Unter einem Berufsstand wird die Mindestanforderung verstanden, die eine Person aufweisen muss, damit sie diesen ausüben darf. Dies ist sicherlich bei dem Beruf des Managers nicht gegeben und schon gar nicht gewünscht! Man stelle sich vor, Bill Gates hätte vom Ordnungsamt bei der Gründung von Microsoft keine Genehmigung erhalten, da er keine Managementausbildung absolviert hätte. Auch bei Quereinsteigern träte dieses Problem auf. Edison hatte keine Managementausbildung, war aber unstrittig ein hervorragender Manager. Einen Beruf in einen Berufsstand zu erheben, bedarf also grundsätzlicherer Überlegungen und auch einiger Vorsicht.

Selbstverständlich ist es legitim, ein normatives Regelwerk für Berufe einzuführen, die keinen Berufsstand bilden. Solche Regelwerke sind durchaus anzutreffen. Wir finden sie zum Beispiel in Bezeichnungen wie “Leitbild” oder “Code of Honour”. Menschen, die sich außerhalb des Berufslebens in ganz unterschiedlichen Lebensumständen befinden, akzeptieren diese Regeln. Und häufig reichen sie weit über das Werkstor hinaus: Denn nicht nur Senior Manager, Teamleiter, Mitarbeiter und Arbeiter akzeptieren und “leben” nach den im Unternehmensleitbild dargestellten Regeln - häufig verpflichten sich auch Zulieferer oder sogar Kunden, ihr Geschäftsverhalten nach einem Leitbild auszurichten.

Ein solches Regelwerk könnte, wie von Cabrera vorgeschlagen, Gegenstand der Managementausbildung werden und über Inhalte in Ethikkursen oder ähnlich gelagerten Fächern vermittelt werden. Hierfür gibt es in Deutschland Ansätze. So fordert die Akkreditierungsagentur FIBAA, dass ethische Fragestellungen in den wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildungsgängen bearbeitet werden. Zukünftige und gegenwärtige Manager sollen mit ethischen Fragestellungen vertraut gemacht werden. Das Ablegen eines Eids ist der Intention dieser Ausbildungskurse jedoch fremd. Dies ergibt sich aus der Problematik normative Standards für Manager zu finden, die denen der Mediziner gleichwertig sind. Cabrera schlägt vier normative Festlegungen für einen Eid vor:

  1. Dauerhaft finanziellen Reichtum zu schaffen

  2. Rechte und Würde der Mitarbeiter zu respektieren

  3. Sich nur in ehrlichen und transparenten Transaktionen zu engagieren

  4. Natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen

Alle vier Kriterien scheinen meines Erachtens nicht für die Festlegung in einem Eid geeignet. Während wir die im Hippokratischen Eid vorhandene Festlegung auf ausschließlich lebenserhaltende Handlungen überprüfen und als normativ positiv bewertbar ansehen können, ist dies etwa bei dem Kriterium dauerhaft finanziellen Reichtum zu schaffen, nicht gegeben. Das Problem beginnt bei der Definition von finanziellen Reichtum. Nach dem Urvater der modernen Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, ist es mitnichten die Aufgabe des Managers gesellschaftlichen Reichtum zu schaffen. Er soll sich ausschließlich auf den individuellen Reichtum seiner Organisation konzentrieren und darf dafür alles einsetzen, was der Ordnungsrahmen erlaubt. Eines Eids bedarf es nicht. Das Recht setzt den Ordnungsrahmen, innerhalb dessen sich der Manager bewegen und seine Organisation ausrichten darf. Dass hierzu auch die bewusste, begrenzte Regelverletzung - auch Innovation genannt - gehört, ist längst eine Selbstverständlichkeit. Wollte man sie aber in einem Eid einbetten, wäre dies sicherlich sehr schwierig, vor allem da wir ein viel besseres Instrumentarium besitzen, nämlich den Markt! Dieser liefert auch die Handlungsanweisungen wie ein Eid über richtige und falsche Handlungen. Diese allerdings nicht in Form von “Bauvorschriften” (tue dies oder jenes) sondern in Form von “Wirkvorschriften” (wenn du dies tust passiert das).

Gleiches gilt auch für das dritte Kriterium. Natürlich sollte gegen Wirtschaftskriminalität vorgegangen werden. Aber was Wirtschaftskriminalität ist, ist doch im Ordnungsrahmen festgelegt. Und: Was sind innerhalb des Ordnungsrahmens ehrliche und transparente Transaktionen? Und wann sollten sie ehrlich und transparent sein? Während, vor oder nach der Transaktion? Ex-post Transparenz ist durch die im Ordnungsrahmen vorgegebene Rechnungslegung gegeben. Eine die Transaktion begleitende oder gar eine ex-ante Transparenz würde aber jegliche Innovationen in allen Marktwirtschaften im Keim ersticken.

Blieben für einen Eid noch die Kriterien 2 und 4 übrig. Das vierte Kriterium der Sustainability scheint über Eid kaum erfüllbar. Dies zeigt die lange Diskussion um die Internalisierung externer Effekte wie die Umweltverschmutzung. Auch hier scheint mir der Markt ein wesentlich angemesseneres Instrument zu sein. Bliebe also noch das zweite Kriterium des Umgangs mit den Mitarbeitern. Mitarbeiter bilden in einer Wissensgesellschaft tatsächlich die wertvollste Ressource eines Unternehmens. Nur wem es gelingt, die Potenziale, die Motivation und die Innovationskraft seiner Mitarbeiter optimal zu nutzen, kann den finanziellen Reichtum seiner Organisation optimieren. Dies gilt es in der Managerausbildung zu vermitteln! Worauf sich aber der Eid beziehen soll, ist unklar. Wer in einer Organisation diesem Credo nicht folgt, den bestrafen die zu erwartenden schlechteren wirtschaftlichen Ergebnisse. Auch hier also bildet der Markt wiederum ein wirksameres Instrumentarium als ein Eid, da die Sanktionen klar sind. Was wäre denn das Pendant bei einer Eidverletzung? Da es sich bei Managern wohl eher nicht um einen Berufsstand handelt, könnte eine Management-Lizenz wohl kaum entzogen werden.

Die Sinnhaftigkeit eines Eids für Manager muss bezweifelt werden. Zum einen sind die Sanktionen bei einer Verletzung des Eids keineswegs gegeben; zum anderen haben wir, wie ich ausgeführt habe, für Manager bereits ein wesentlich effizienteres Instrumentarium - nämlich den Markt! Dieser liefert zwar keine direkten Handlungsvorschriften (Bauvorschriften) sondern steuert über die Resultate (Wirkvorschriften). Dies ist aber nicht negativ, sondern erhöht sogar die Vielfalt der Herangehensweisen und damit die wirtschaftliche Freiheit.

Entsprechend wäre es spannend zu diskutieren, ob der Eid des Hippokrates noch ein geeignetes Instrument für die Ärzteschaft ist. Sollte nicht vielleicht auch in der Ärzteschaft der Eid durch den Markt abgelöst werden? Mit der Deregulierung im Gesundheitswesen wird diese Frage sicherlich bald aktuell werden.

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